Sie sind nicht zum Baden hier. Sie tragen einen wasserfesten Stift im Bund der Bikinihose, ein sandiges Poesiealbum in der Hand. Von ihren Handgelenken baumeln Photoapparate in Schonbezügen und Videokameras. Auf ihren T-Shirts, auf der braunen Haut der Bäuche, Arme, Rücken, in ihren Alben sind krickelige Schriftzüge gemalt: Autogramme.

Sie sind gekommen, um zu sehen, was sie zu Hause fernsehen, montags um 18.54 Uhr. Seit fünf Jahren wird am Strand von St. Peter-Ording "Gegen den Wind" gedreht. Hübsche Jungen auf Surfbrettern zungenküssen exzellent gebaute Mädchen. Fünf Millionen Zuschauer, erfolgreichste Vorabendserie der ARD. Zur Zeit ist Pause, in St. Peter aber wird bereits die vierte Staffel aufgenommen, zu sehen im nächsten Herbst. Derweil kommen die Fans zum Sommerurlaub an: Fernsehtouristen, jedes Jahr werden sie mehr.

"Danke!" Szene 54-29 ist abgedreht. Eine halbe Stunde hat der neue Serienheld Marco Girnth, breite Brust über blauen Badeshorts, seine Blonde mit Sonnencreme eingeschmiert. Gefühlvolle Kreise hat er gezogen, Probe, zwei Einstellungen: Die Szene sitzt. "Gegen den Wind" wird schnell produziert. Viel Geschmuse, wenig Text, dafür jedes Bild eine Kamerafahrt. "Wie auf MTV", sagt der Regisseur, "das soll gut für die Quote sein."

Die Regieassistentin ruft durchs Megaphon: "Wir fahren zu dem Ort, den wir alle kennen, aber den anderen nicht verraten." Gestern mußte die Crew viermal umziehen, wegen all der Leute am Strand. "Bei der Hitze kriegt man die einfach nicht weg", sagt der Produktionsleiter, "und so ein Umzug kostet Zeit." Die Filmcrew steigt in die Jeeps und verschwindet. Zäh setzt sich auch die Karawane in Bewegung: dranbleiben, auch wenn einen keiner mag. Kilometerweit watet sie durch den Nordseesand, von Drehortabsperrung zu Drehortabsperrung. Tag für Tag.

Linda, 14, hat braune Knopfaugen, ein neongelbes Band im Haar und ist ein Profi. Sie hat Autogramme von allen Schauspielern. Sie ist im Fanclub. Selbst ein Photo, auf dem Patrick Harzig den Arm um ihre Schulter legt, hat Linda: "Ich war Pfingsten schon mal mit meinen Eltern da." Jetzt ist sie mit ihrer Freundin Claudia, 13, in einem "Gegen den Wind"-Camp: "Surfen lernen, wo schon die Schauspieler das erste Mal auf dem Brett standen". Jeden Tag haben die beiden über der Absperrung gehangen. Heute durften sie unten durchschlüpfen. Dürfen Statisten sein. Dürfen durch den Bildhintergrund laufen, immer wieder, während Marco Christine eincremt. Ein langer Sprung, und sie landeten auf Marcos muskulösem Schoß. "Den würde ich schon mal gerne abknutschen", sagt Linda. Ob der wirklich mit Katja Woywood zusammen ist? Da täte er einem ja leid. Und Ralf Bauer mit dieser Esther Schweins. "Die dumme Sau, die hat ihn gar nicht verdient", sagt Claudia. Seine Mitbewohnerin Miriam solle er nehmen, "oder mich". Wo aber ist Patrick Harzig? Linda will ihm das Photo schenken, auf dem er sie umarmt. Sie hat es auf A4-Format vergrößern lassen. Für ihn, für Patrick mit der frechen Strähne. In einer Plastikhülle liegt es in ihrem Rucksack: "Vorsicht!"

Patrick Harzig, Ivana Kansy, Katrin Weisser. Wer "Gegen den Wind" nie gesehen hat, kennt ihre Namen nicht. In St. Peter-Ording aber heißen sie "die Stars" und können nur hinter den weiß-roten Absperrungen leben. Wer sich hervorwagt, wird umringt von Mädchen mit dünnen braunen Beinen und Backfischwangen. Mütter schubsen ihm ihre Sechsjährigen durch die Menge entgegen: "Kind, du willst doch ein Autogramm." Hardy Krüger junior, alias Sven mit dem Pferdeschwanz, hat sich gerade ein eigenes Wohnmobil gekauft, damit er am Strand seine Ruhe hat. "Gestern haben sie sich um mein verschwitztes T-Shirt geprügelt", erzählt er. Das sei schon erschreckend. Ralf Bauer alias Nik mit dem babyblauen Blick fährt inzwischen nach jedem Drehtag die zwei Stunden nach Hamburg zurück. Fans im Schlafzimmer hatte er, als er noch in St. Peter wohnte, im Wohnzimmer und vor der Tür sowieso. Zuletzt fuhr sogar die Bimmelbahn vorbei: "Hier wohnt Ralf Bauer."

Gerade 4200 Einwohner hat St. Peter, eine Dorfstraße und eine Disco. Wenn die Ebbe das Wasser an den Horizont saugt und die Hitze aus dem weißen Sand flimmert, ist der Strand eine Wüste, die nirgends endet. Bis zu 50 000 Menschen schwitzen an sonnigen Sommertagen in den gestreiften Polster der Strandkörbe. Fläzen sich so lethargisch in ihren Sandburgen, als könne Hast sie zerfließen lassen. Früher kamen die meisten Gäste aus Nordrhein-Westfalen. War dort Urlaub, war St. Peter "voll bis übers Dach". Inzwischen bleiben immer mehr Westfalen weg, und an der ganzen Nordseeküste sinken die Urlauberzahlen. Nur in St. Peter-Ording nicht. Alle 18 000 Betten sind belegt, täglich kommen 24 000 Tagesgäste. Der Kurdirektor sagt: "Der Werbeeffekt der Serie ist mit Geld gar nicht zu bezahlen." Auf jeder Touristikmesse erwähnt er sie, aus jeder Broschüre lachen "die Stars". In der Telephonwarteschleife der Kurverwaltung spielt er die Titelmelodie von "Gegen den Wind". Das Schlagzeug hämmert, die Gitarre kracht. Aus einem Omi-Kurort ist ein Backfisch-Paradies geworden.