Es ist fast schon politische Routine: Islamistische Selbstmord-Attentäter verüben ein blutiges Massaker, die israelische Regierung riegelt daraufhin die besetzten Gebiete ab und macht die palästinensische Autonomiebehörde verantwortlich für den anhaltenden Terror. Und Jassir Arafat wird vorgeworfen, nicht entschieden genug gegen die Aktivisten der Hamas vorzugehen. Er wolle ihr Gewaltpotential als Druckmittel gegenüber Israel einsetzen.

Weltweit gilt die Hamas als Sinnbild eines fanatischen Kampfes für den Islam.

Insbesondere die Fernsehberichte vermitteln den Eindruck, die Hamas bestünde ausschließlich aus Terroristen, deren Glaubenseifer auf die Zerstörung Israels gerichtet sei. Ohne jeden Zweifel gehen auch die beiden letzten Anschläge in Jerusalem auf das Konto islamischer Extremisten. Bisher jedoch ist der israelischen Polizei die Identität der beiden Selbstmord-Attentäter, die am 30. Juli auf dem Jehuda-Markt dreizehn Passanten in den Tod rissen, unbekannt. Über die Ermittlungen im Fall der drei Palästinenser, die sich am Donnerstag vergangener Woche in der Fußgängerzone Westjerusalems in die Luft sprengten und dabei fünf Israelis töteten, wurde eine Nachrichtensperre verhängt.

Die Frage, wer die Attentäter waren und, vor allem, woher sie kamen, ist von höchster politischer Brisanz. So beschloß das israelische Kabinett in einer Sondersitzung am vorigen Freitag, den Truppenabzug aus der West Bank, der ohnehin schon Monate hinter den Vereinbarungen des zweiten Autonomieabkommens vom September 1995 ("Oslo B") liegt ganz einzustellen, sollte die Autonomiebehörde Jassir Arafats den Terror nicht wirksam bekämpfen. Zugleich kündigte die israelische Regierung an, sie wolle in die Selbstverwaltung der Palästinenser eingreifen und auf eigene Faust gegen Militante vorgehen.

Die Politik unentwegter Schuldzuweisung an die Adresse Arafats, mit der Israels Premierminister Netanjahu seine ideologisch motivierte Ablehnung des 1993 eingeleiteten Friedensprozesses von Oslo zu rechtfertigen sucht, ist bislang nicht durch Fakten gestützt. Im israelischen Rundfunk hieß es, daß bei dem jüngsten Anschlag die israelischen Sicherheitsbehörden versagt haben könnten. Denn die Täter seien nicht aus den Arafat unterstehenden Autonomiegebieten gekommen, sondern aus Jerusalem. Deswegen vermutlich die Nachrichtensperre: Arafat wäre in diesem Fall entlastet. Die Glaubwürdigkeit der konservativen Likud-Regierung, die den palästinensischen Präsidenten und die Autonomiebehörde um jeden Preis zu destabilisieren sucht, hätte dann allerdings Schaden genommen.

Woher auch immer die Attentäter gekommen sein mögen, sie gehören zum islamistischen Umfeld, das unter den Palästinensern in den besetzten und autonomen Gebieten von der Hamas dominiert wird. Schon ihr Name ist Programm: Hamas ist die arabische Abkürzung für "Bewegung des islamischen Widerstandes" und bedeutet gleichzeitig "Begeisterung, Hingabe". Ihre Anfänge gehen zurück auf die Intifada. Bis zum Ausbruch dieser Revolte gegen die israelische Besatzungsmacht in der West Bank und im Gaza-Streifen im Dezember 1987 spielte der Islam als politische Bewegung unter den Palästinensern keine tragende Rolle. Zwar gab es die Muslim-Bruderschaft, 1928 in Ägypten gegründet und seit den dreißiger Jahren auch in Palästina aktiv, doch deren Vertreter setzten überwiegend auf soziale und religiöse Dienste. Die Politik und den aktiven Widerstand gegen die Besatzung überließen sie der säkularen PLO, die im Untergrund operierte und die stärkste Kraft unter den Palästinensern blieb, bis sie nach ihrer Vertreibung aus dem Libanon 1982 allmählich an Einfluß verlor.

Mit dem Ausbruch der Intifada radikalisierte sich die Muslim-Bruderschaft und beschloß, eine eigene politische Bewegung zu gründen: die Hamas. Ihr Führer wurde der gelähmte Scheich Ahmad Jassin, ein wenig charismatischer Prediger, Jahrgang 1935. Schnell entwickelte sich die Hamas zu einer eigenständigen politischen und militärischen Bewegung. Um sich von den säkular-nationalistischen Zielen der PLO abzugrenzen, verabschiedete die Hamas im August 1988 eine religiös gefärbte Charta. Darin heißt es: "Gott ist das Ziel, der Prophet der Führer, der Koran die Verfassung der Heilige Krieg weist den Weg, und der Tod für Gott ist die innigste Sehnsucht." Konferenzen und Friedensverhandlungen seien daher "Zeitverschwendung und Kinderspielereien".