Die Menschen im Dresdner Judenhaus fingen wieder an zu hoffen.Am Sonntag, dem 14.Juli 1940, drei Wochen nach der Kapitulation Frankreichs, schreibt Victor Klemperer in sein Tagebuch: "Kreidl erzählte uns aus sicherster Quelle (von einem 'arischen Bankfreund' und Augenzeugen): Es rolle Zug um Zug nach Osten, mit Mannschaften, Geschützen, Tanks."Laut Militärkreisen sei eine Massenlandung in England unmöglich.Ist das schon der Anfang vom Ende des Nazireichs - der Zweifrontenkrieg?Das Bemerken swerte an dieser Notiz ist ihr Datum.Denn in den Geschichtsbüchern steht, Hitler habe erst am 31.Juli 1940 seinen "bestimmten Entschluß" gefaßt, im Frühjahr des nächsten Jahres den Krieg gegen die Sowjetunion zu eröffnen.Am 18.Dezember 1940 unters chreibt er dazu die "Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa". Wovon Klemperer und seine Freunde so früh erfuhren, war also nicht das Unternehmen Barbarossa, sondern sein Vorläufer, der "Plan Otto" - den man in der Literatur allerdings so gut wie vergeblich suchen wird.Er stammt nicht von Adolf Hitler, sondern von seinem Generalstabschef, dem General der Artillerie Franz Halder (1884 bis 1972).Kaum war Ende Mai 1940 der Sieg über Frankreich abzusehen - der scheinbar größte Triumph deutscher Militärgeschichte -, richtete dieser General, der sich später mit der Aureole eines Widerstandskämpfers schmücken wird, bereits den Blick nach Osten.Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt ist gerade mal neun Monate alt, da will Halder auch dort eine Ordnung herstellen, "die hält".So denkt auch Staatssekretär E rnst von Weizsäcker (Auswärtiges Amt), mit dem Halder sich öfter trifft."Plan Otto" ist so angelegt, daß die Wehrmacht bereits im Spätsommer 1940 mit 80 Divisionen (und 400 000 Mann in Reserve) wie der Blitz über die Russen herfallen könnte - sozusa gen aus dem Stand. Der "Führer" und Oberste Befehlshaber ahnt von alledem wochenlang nichts.Im Gegenteil.Als am 25.Juni 1940 in Frankreich die Waffen ruhen, sagt Hitler in einer Ansprache, die jetzt noch bleibende Auseinandersetzung mit dem Osten sei "eine Aufgabe, die man vielleicht in zehn Jahren in Angriff nehmen kann". An ebendiesem Tage beordert der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch, auf Drängen Halders, die ersten fünfzehn Divisionen nach Ostpreußen an die litauische Grenze und nach Restpolen an die deutsch-sowjetische Demarkationslinie, die sogenannte Interessengrenze. Es sind jene Tage, da die meisten Deutschen vom Siegestaumel verblendet sind: Nun werde auch England klein beigeben, und bald sei der Krieg zu Ende.Das ist nicht nur die dem Volke suggerierte Meinung, davon sind auch Hitler und seine Militärs überzeugt."Zu siegen gibt es hier im Westen auf lange Zeit nichts mehr", verkündet Halder am 28.Juni 1940 vor der Generalität in Versailles. Bereits Anfang des Monats hatte Hitler in Triumphstimmung angekündigt, er wolle das Heer demobilisieren, da die Kriegführung künftig eine Sache von Luftwaffe und Marine sein werde.Entlassen werden sollten vor allem die älteren Jahrgänge über Dreißig.Deshalb beschloß Halder am 12.Juni 1940, in erster Linie die Landesschützendivisionen (Soldaten über 45, die nur für Bewachungsaufgaben geeignet waren) abzuschaffen.Sieben davon standen im Osten.Was lag näher, als sie durch kampferpro bte Divisionen aus Frankreich abzulösen?Gleich nach dem Waffenstillstand wird die 18.Armee - mit anfänglich sieben (!)Armeekorps die bislang größte deutsche Armee - unter dem Oberbefehl des osterfahrenen Generals Georg von Küchler aus dem Wes ten verlegt, angeblich um künftig den Ostraum abzusichern. Absichern muß sich aber auch Halder.Denn die neuen Besetzer Polens werden Knall auf Fall in die Befehlsbereiche anderer Dienststellen einbrechen: des Oberbefehlshabers Ost (OberOst), den man zum Militärbefehlshaber im Generalgouvernement Polen degradiert des Ersatzheeres des Wehrkreises I in Ostpreußen.Darum besteht Halder darauf, die schon vorhandenen Truppen dem neuen Armeeoberkommando (AOK 18) vorerst nur taktisch (das heißt im Einsatzfall) zu unterstellen.Auf diese Übergangslösun g einigen sich am 19. Juni 1940 Halder und der Chef seiner Organisationsabteilung, Oberst Buhle.An diesem Tag nahm "Otto" seinen definitiven Lauf. Was man oft übersehen hat: Die Verlegung der 18.Armee, die Halder vorsorglich dem sowjetischen Kriegsminister Marschall Woroschilow ankündigen ließ und als ganz normal hinstellte, war eine Mogelpackung.Offiziell konnte der Generalstab behaupten, es kämen nur zwei Divisionen mehr, als vor dem Westfeldzug an der Interessengrenze standen.Halder benutzte jedoch die Umgliederung des Heeres als Paravent für einen viel größeren "Aufbau Ost". Schon am 16.Juni 1940 hatte der Generalstabschef entschieden, nach dem Ende des Frankreichfeldzuges als erste ausgerechnet jene fünfzehn "aktiven" Divisionen in ihre Heimatkasernen zurückzuführen, die aus den östlichen Grenz-Wehrkreisen I (Königsberg), XX (Danzig), XXI (Posen) und VIII (Breslau) und dem Protektorat Böhmen und Mähren kamen.Das hieß: Außer den bewährten fünfzehn Felddivisionen der 18.Armee wären jederzeit ebenso viele aus den Wehrkreisen greifbar gewesen.Über dies hatte Halder als Eingreifreserve im tiefen Hinterland neun schnelle Divisionen (Gruppe Guderian) vorgesehen.Was der Generalstab ohne Wissen Hitlers im Juli 1940 im Osten aufmarschieren ließ, waren bereits 600 000 Mann! Wie früh Halder auf den Ostkrieg fixiert war, kann man den Tätigkeitsberichten der Pioniertruppe OberOst entnehmen.Am 3.Juni 1940 wird sie von der Heeresleitung darauf hingewiesen, wie kriegswichtig der Ausbau der Ostbefestigungen sei.Ein Punkt des Bauprogramms ist verräterisch: "Gestaltung der Brükkenköpfe als Offensivbrückenköpfe". In seine ganz geheimen Pläne weiht Halder nur ein paar Mitarbeiter ein, darunter den Chef des Stabes der 18.Armee, den wegen seiner intellektuellen Qualitäten hochgeschätzten Generalmajor Erich Marcks, den Chef des Transportwesens, General Rudolf Gercke, und den Chef der kartographischen Abteilung, Oberst Gerlach Hemmerich.Als die Vorauskommandos in Polen kein Kartenmaterial über Rußland vorfinden, kann sie der Generalstab trösten: "Karten bringt AOK 18 mit!" Der erste, der das Treiben Halders entdeckt hat, war 1983 der Freiburger Militärhistoriker Ernst Klink.Doch bald stellten Kollegen seine These in Frage, zumal es Halder nach dem Krieg auf unübertreffliche Weise gelungen war - bei Verhören in alliierter Gefangenschaft, als Zeuge im Nürnberger Prozeß, vor der Entnazifizierungsspruchkammer oder als geschätzter Berater der Zeithistoriker -, die Verantwortung auf Hitler oder Brauchitsch abzuladen. Schließlich ließ sein jüngster Biograph, Christian Hartmann, das Thema "Otto" ganz beiseite. Unstreitig hat Halder den Fall "Otto" meisterhaft zu tarnen gewußt, so daß die Forscher die komplizierte Konstruktion der Doppel- und Dreifachunterstellungen (taktisch, verwaltungs- und versorgungsmäßig) und der sich rasch abwechselnden Kriegsgliederungen im Osten nur mühsam entschlüsseln können.Einen Durchblick kann man sich bei der Sichtung von Nebenakten verschaffen, oft an Stellen, wo man sie nicht vermutet. Zunächst, so Halder am 28.Juni 1940, gelte es, "die Anwesenheit des deutschen Heeres im Osten zu dokumentieren".Folgerichtig erwähnt Brauchitsch am 29.Juni 1940 in der ersten Anweisung für das AOK 18 lediglich die Grenzsicherung gegen Rußland und Litauen.Die Armee müsse "ein Vorgehen feindlicher Kräfte spätestens an der San-Weichsel-Linie und an der Ostgrenze Ostpreußens so zum Stehen bringen, daß nach Zuführung von Verstärkungen zum Angriff angetreten werden kann".Das ist noch die alte de fensive Aufgabe von OberOst.Keineswegs dürfe man "den Eindruck einer Bedrohung Rußlands durch Angriff erwecken". Am 3.Juli jedoch weist Generalstabschef Halder seinen Chef der Operationsabteilung, Oberst Hans von Greiffenberg, an, zu prüfen, "wie ein militärischer Schlag gegen Rußland zu führen [sei], um ihm die Anerkennung der beherrschenden Rolle Deutschlands in Europa abzunötigen". Am 9.Juli, das AOK 18 hat inzwischen sein Hauptquartier in Bromberg aufgeschlagen, legt es der Operationsabteilung des Generalstabes seine "Absichten" vor.Offensichtlich hat Generalmajor Marcks darin bereits die ihm vertrauten Intentionen Halders eingebracht, denn nun soll die Masse der Kräfte im Ostteil des Generalgouvernements so bereitgestellt werden, "daß russische Angriffsvorbereitungen jenseits der Grenze des Interessengebietes durch eigenen Angriff zerschlagen werden können".Ein paa r Tage später informiert Marcks auch den Stabschef des Militärbefehlshabers im Generalgouvernement über die folgenschwere Auftragsänderung: AOK 18 beabsichtige, "bei stärkerer Kräftezuteilung Auftrag offensiv zu lösen". Da ist es wohl kein Zufall, daß Halder 1949 in einer vielgelesenen Broschüre fast wörtlich jenen Auftrag zitiert: Einem Feldherrn werde man nicht versagen dürfen, wenn er "seine Aufgabe, das eigene Land gegen feindlichen Zugriff zu schützen, durch Angriff zu lösen" wünsche. In diesem Sinne ist dann auch die Aufmarschanweisung der 18.Armee vom 22. Juli 1940 abgefaßt, von der Ernst Klink meint, sie habe einen "Akt der Kriegseröffnung" bedeutet.Der erste Satz ist gewollt auslegungsfähig: "Im Falle eines Konfliktes mit Rußland werden stärkere deutsche Kräfte im Osten eingesetzt werden."Ein Konflikt hätte sich beispielsweise einstellen können, wenn sich Stalin auf dem Balkan einmischte, wodurch die für Deutschland unentbehrlichen rumänischen Ölfelder gefährdet gewesen wären.Am bedeutsamsten ist der letzte Satz der Aufmarschanweisu ng: "Die Generalkommandos stellen Erwägungen auch für den Fall an, daß sie beim Aufmarsch über die doppelte Zahl ihrer jetzigen Truppen verfügen."Verdoppeln hieße - legt man die Kriegsgliederung der 18.Armee vom 19.Juli zugrunde -, die Streitma cht auf 60 bis 66 Divisionen aufzustocken.Dieses Mehr an Truppen hatte Halder geschickt getarnt oder "versteckt". Das wichtigste Instrument für den Angriff auf die Sowjetunion war die (Panzer-)Gruppe Guderian, die mit zwei unterstellten Panzerkorps im Hinterland in Habtachtstellung ging.Sie konnte auf Abruf binnen 72 Stunden an der Interessengrenze erscheinen und entweder aus einem Versammlungsraum westlich von Warschau in nordöstlicher Richtung auf BiaIystok oder aus dem Süden des Generalgouvernements in Richtung Lemberg/Tarnopol eingesetzt werden. General Heinz Guderian (1888 bis 1954), dessen Namen noch heute im In- und Ausland der Nimbus des "Schöpfers der Panzerwaffe" umgibt, hatte mit seiner Gruppe im Juni von der Aisne bis zur Schweizer Grenze Frankreich im Sturm überrollt.Er sollte die Siegesparade in Paris anführen, doch am 30.Juni 1940 bekam er das Ostkommando und mußte sich von einem Teil seiner Truppen verabschieden: "Weiter zu neuen Aufgaben mit gleichem Schwung und mit gleichen Erfolgen bis zum endgültigen Siege Großdeutschl ands!" Mit Feuereifer gingen Guderian und sein Gruppenstab ans Werk.Das AOK 18, dem er taktisch unterstand, gab ihm sogar einen Sonderzug, da seine Divisionen auf einen Raum zwischen Stettin, Berlin und Magdeburg bis nach Breslau und Wien verteilt lagen.Von ihren Standorten aus erkundeten sie bis an die russische Grenze, wie sie im Ernstfall ihre Panzer am schnellsten vorführten. Bis Ende Juli war Guderians Aufmarschanweisung für "Otto" fertig.Er steckte sich die Operationsziele selber, und zwar bis nach Kiew und von dort am Djnepr entlang bis Odessa am Schwarzen Meer.Es kümmerte ihn nicht, daß ihm der Generalstab mehrmals eigene Operationsplanungen untersagt hatte. In den Memoiren Guderians ("Erinnerungen eines Soldaten", 1950) erfährt man von alledem natürlich gar nichts.Vielmehr behauptet er, als "Uneingeweihter" habe er erst Mitte November 1940 durch seine Stabsoffiziere von dem geplanten Rußlandfeldzug erfahren.Mit "Enttäuschung und Entrüstung" habe er reagiert, weil Hitler nun doch einen Zweifrontenkrieg führen wollte.Wie uneingeweiht muß ein Befehlshaber sein, dessen Quartiermeisterabteilung am 29.August 1940 für seine Panzer einen Spritverbr auchssatz von 1075 Kubikmetern meldet, der normalerweise für ein tägliches Vorrücken von 100 Kilometern reichte? Die Planer im Generalstab hatten bereits seit Juni die Versorgung von 42 Infanteriedivisionen abgesichert auch der Bedarf für anfängliche 18 schnelle Divisionen war gedeckt.Ihnen wurden 14 Bahnaufmarsch- und Versorgungslinien und 12 Hauptdurchgangsstraßen zugeteilt (siehe Karte).So weit also gingen im Sommer 1940 die Dispositionen des Heeres, ohne daß der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht (Hitler) und seine Führungsgehilfen Keitel und Jodl das Geringste ahnten! Seit der Kapitulation Frankreichs hatte Hitler vergeblich auf Friedensangebote aus England gewartet.Was, fragte er sich, gab England die Kraft zum Weitermachen?Am 13.Juli 1940 notierte Halder befriedigt, der "Führer" sehe "ebenso wie wir" die Lösung der Frage darin, "daß England noch eine Hoffnung auf Rußland hat".Eine Woche später, nach seiner wohl nur noch als Alibi gemeinten "Friedensrede" vor dem Reichstag am 19.Juli 1940, mußte sich Hitler überlegen, wie man England gewaltsam zum Frieden zw änge. Deshalb lud er am 21.Juli 1940 die Oberbefehlshaber von Heer, Marine und Luftwaffe (Brauchitsch, Raeder, Göring) zu sich in die Reichskanzlei. Vorgesehen wurde eine Invasion an der britischen Südküste ("Unternehmen Seelöwe"), vorausgesetzt, Görings Luftwaffe erränge zuvor die Luftherrschaft über England und Heer und Marine seien bis Anfang September bereit. Andernfalls müßten andere Pläne erwogen werden. Dies war das Stichwort für den neuen Generalfeldmarschall von Brauchitsch.Er meldete seinem "Führer", daß der Generalstab den Feldzug gegen Rußland bereits in den Grundzügen vorgeplant habe: Nötig seien 80 Divisionen plus 20 in Reserve - wie wir jetzt wissen, hatte Halder mindestens schon 60 disponiert!Rußland habe "50-75 gute Divisionen", was wohl heißen sollte, der größere Teil der Roten Armee tauge nichts. Die Aufmarschzeit bemaß Brauchitsch, eingedenk der getarnten Vorarbeiten seit dem 19.Juni, mit nur noch vier bis sechs Wochen.Mit anderen Worten: Der deutsche Generalstab hielt es für möglich, noch im Spätsommer 1940 zu einem siegreichen Blitzkrieg gegen Rußland anzutreten!Zwar haben mehrere Historiker den Herbsttermin Hitler selber zugeschrieben.Sein Wehrmachtführungsstab, sprich: Generaloberst Alfred Jodl, habe ihm die Idee wieder ausgeredet.Seit aber in der neuesten Ausgabe der Vierteljahre shefte für Zeitgeschichte (3.Heft, Juli 1997) ein Vortrag General Halders aus dem Frühjahr 1939, den der Halder-Biograph Hartmann und sein russischer Kollege Sergej Slutsch zufällig in einem Moskauer Sonderarchiv fanden, nachgedruckt wurde, muß man die Vaterschaft Halders für einen Sommer-Angriff nicht mehr anzweifeln.Denn schon wenige Monate vor dem Überfall auf Polen 1939 hatte Halder davon geschwärmt, daß anschließend "eine siegreiche Armee, erfüllt mit dem Geist gewonnener Riesenschlachten , bereitstehen" werde, um "dem Bolschewismus entgegenzutreten".Polen und Rußland auf einen Streich - darauf mußte erst jemand kommen! Auch über die politischen Ziele des Rußlandfeldzuges hatte die Heeresführung nachgedacht: "Ukrainisches Reich - Baltischer Staatenbund - Weiß-Rußland". Die Sowjetunion sollte also zerlegt und Rußland durch einen Kordon deutscher Satellitenstaaten von Europa abgedrängt werden.Demnach wollte man wiederholen, was das deutsche Kaiserreich, unter kräftiger Mithilfe der Obersten Heeresleitung, 1918 im Friedensvertrag mit dem revolutionären Rußland in Brest-Litowsk durchgesetzt hatte.Ohnehin kannte die Generalität Hitlers Ziel, im Osten Lebensraum für das deutsche Volk zu erobern.Der spätere Bundeswehrgeneral Curt Siewert, damals Generalstabsoff izier beim Oberbefehlshaber des Heeres, hat ausgesagt, Brauchitsch habe Hitler zum Krieg gedrängt.Mit Recht spricht der Militärhistoriker Jürgen Förster von einer "politischen Übereinstimmung in Grundfragen". Kaum war Brauchitsch am 22.Juli 1940 aus Berlin zurück, überhäufte Halder bereits seine Mitarbeiter mit neuen Aufträgen.Der Chef des Stabes der 18. Armee, Generalmajor Marcks, wurde Ende Juli erneut nach Fontainebleau gerufen, wo sich das Oberkommando des Heeres niedergelassen hatte.Er sollte einen ersten Feldzugsplan entwerfen.Da er sich seit einem Monat in der Materie auskannte, hatte er die Studie binnen einer Woche fertig.Die Feldzugsdauer veranschlagten Marcks und Halder auf mindestens neun Wochen. Ging alles nach Plan, hätte das Heer noch vor der herbstlichen Schlammperiode Moskau, Leningrad und Charkow erobern können. Als jedoch Hitler am 31.Juli 1940 die Militärs zu einer großen Lagebesprechung auf dem Obersalzberg um sich versammelt, muß er ihnen mitteilen, daß es leider nicht mehr in diesem Herbst gehe.Statt vier Wochen brauche man neun Monate für den Aufmarsch.Der früheste Angriffstermin wird auf den Mai 1941 festgesetzt, und statt der von Halder vorgeschlagenen 100 Divisionen verlangt Hitler nun 140.Damit hat er die Demobilmachung des Heeres widerrufen - jetzt wird wieder aufgerüstet. Woher dieses plötzliche Zögern?Der Transportchef des Heeres, General Gercke, hatte, wie es seine Pflicht war, seit Ende Juni/Anfang Juli die Bedingungen für den "Aufmarsch Ost" untersuchen lassen.Um den 20.Juli herum muß er dem Generalstabschef die ernüchternde Wahrheit melden: Solange noch die im Polenfeldzug zerstörten Brücken über die Weichsel und andere Flüsse im Wasser liegen und solange sich viele polnische Straßen in einem miserablen Zustand befinden, können weder die Versorgungszüge di e Ausladebahnhöfe erreichen, noch die Angriffsdivisionen im Ernstfall rasch zur Grenze aufschließen. Die 18.Armee reagiert sofort und forciert den Straßenausbau ostwärts der Weichsel (siehe Karte).General Gercke spannt derweil die Organisation Todt ein und beauftragt die Etra (Eisenbahntransporte) Ost, Baustoffe heranzuführen. Bislang scheint sich noch kein Historiker darüber gewundert zu haben, wieso eigentlich in einer Kriegsgliederung der 18.Armee vom 5.September 1940, also nur fünf Wochen nach Hitlers Entschluß vom 31.Juli 1940, bereits 35 Divisionen auftauchen.(Inzwischen sind die sieben Landesschützendivisionen endlich abgegangen und durch sechs aktive Divisionen und eine Kavalleriedivision ersetzt worden.)Da man einen Planungsvorlauf und eine Transportzeit von zusammen acht W ochen vorauszusetzen hat, ist auch damit der Beweis erbracht, daß hier ein Feldzug von langer Hand geplant worden ist. Zwar mußte Halder auf den begrenzten Krieg im Herbst verzichten, dafür konnte er nun zum ganz großen Schlag per Juni 1941 rüsten! Intern hat er seine geheimen Vorarbeiten durch Schreckensmeldungen aus dem Osten untermalt.Politiker und Militärs verfolgten aufmerksam die sowjetischen Aktionen im Sommer 1940 - den Einmarsch der Roten Armee ins Baltikum und die durch ein kurz befristetes Ultimatum an Rumänien erzwungene Abtretung Bessarabiens und der Nordbukowina.Wundern konnten sich die Deutschen darüber nicht, denn Stalin holte sich nur, was ihm im August 1939 in dem auch Halder bekannten Geheimen Zusatzprotokoll z um Nichtangriffspakt zugesichert worden war.Das Schicksal der Balten war den Nazis gleichgültig, und im Falle Rumäniens, des Kriegsgegners aus dem Ersten Weltkrieg, regte sich sogar Schadenfreude. Natürlich registrierte man gewisse Überschreitungen der Abmachungen - den Anspruch auf die ganze Bukowina, die Verlegung von Divisionen an die litauisch-deutsche Grenze -, doch nach dem deutschen Einspruch einigten sich die beiden Staaten auf Kompromisse.Halder kamen solche Verstöße Stalins gerade recht, hatte er doch jetzt ein Bedrohungsszenario zur Hand, das den neuen Aufmarsch zu rechtfertigen schien.Aber sie waren nicht der Auslöser. Als die 18.Armee im Generalgouvernement in ihre Sammelplätze einrückte, standen auf der sowjetischen Seite nur zwölf schwache, unaufgefüllte Schützendivisionen und neun Kavalleriebrigaden, von denen keine Bedrohung ausging. Für Halder stand fest, daß es eine Abrechnung mit dem Bolschewismus geben werde und müsse darum wollte er jetzt die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen, um die Vorhand zu behalten.Man durfte nicht zuwarten, bis die Rote Armee die Folgen der Stalinschen "Säuberungen" überwunden und nach vier Jahren wieder auf der Höhe war - so die Voraussage General Ernst Köstrings, des Militärattachés in Moskau. Der Halder-Biograph Christian Hartmann meint, der Generalstabschef habe sich bis Dezember 1940 zwar viel um "Seelöwe", aber kaum noch um die Ostfeldzugsplanung gekümmert allenfalls hätten ihn Fragen der Verkehrs- und Versorgungsplanung beschäftigt (die aber sind das A und O jedes Feldzuges!). Tatsächlich jedoch wurde Halders "Plan Otto" nach den neuen Vorgaben aus dem Führerhauptquartier ausgearbeitet und durchgespielt - für diese Aufgabe hatte er sich den Panzeroffizier Friedrich Paulus als seinen Vertreter in den Generalstab geholt.Auch der Wehrmachtführungsstab, die alte Konkurrenz der Heeresleitung, war nicht müßig.Dort hatte Oberstleutnant Bernhard von Loßberg eine eigene Planstudie entworfen, welche er nach seinem Sohn auf den Decknamen "Fritz" taufte.Am Ende obsiegte "Otto" üb er "Fritz".Zufrieden schreibt Halder am 5.Dezember 1940 nach einer Besprechung mit Hitler in sein Kriegstagebuch: "Otto: Vorbereitungen entsprechend den Grundlagen unserer Planung voll in Gang setzen." Von "Seelöwe" sprach niemand mehr.Als die Marine dem Heer im August zuerst nur einen schmalen Landstreifen bei Dover für sechs Divisionen mit 90 000 Mann garantieren konnte, da bekam Halder einen Wutausbruch: "Genau so gut könnte ich die gelandeten Truppen gleich durch die Wurstmaschine drehen." Doch nichts hat ihn abgehalten, leichtfertig vier Millionen seiner Soldaten nach Osten ins Verderben zu treiben - von dem unendlichen Leid, das dieser verbrecherische Krieg über die Nachbarn im Osten brachte, ganz abgesehen.