Es ist Frieden. Auf dem Betonband der Autobahn rollt ein panzergroßer Jeep, im Schlepp ein himmelblaues Segelboot. Die bürgerliche Familie reist in die Sommerfrische, an einen sterbenslangweiligen See. Roll-out des oberen Mittelstandes, der sich die Strapazen erst einreden muß, von denen er dann Urlaub macht. Kühl sind die Enddreißiger mit dem unkindlichen Kind, und langsam kommt die ewige Jugend in die Jahre. Knapp grüßt man die Nachbarn; sie haben netten Besuch, zwei Wohlstandsflegel, wie sie in den Countryclubs dieser Welt aus- und abhängen, wenn Papi die Goldcard lockert.

Dann ist es wie immer. Die einsame Frau steht in der Küche, der einsame Mann setzt die Segel. Plötzlich, hinter dem weißen Fliegengitter, die freundlichen Fremden mit weißen Handschuhen. Fortan ist Krieg und das Idyll, das nie eines war, dem Tod geweiht. Wenn der Film endet, sind Vater, Mutter und Sohn nicht mehr am Leben, exekutiert von den höflichen Fremden, gefoltert an Leib und Seele, getötet mit experimenteller Bestialität und sachlicher Lust. Die Opfer hatten, funny games, nicht die geringste Chance. Nach vollbrachter Tat ziehen die kultivierten Mörder weiter und bitten eine andere Familie um eine kleine Gabe. Denn die Gewalt ist unter den Menschen, und sie bleibt es auch. Keine Macht der Welt hält sie auf. Nichts wird wieder gut.

Michael Hanekes ungeheurer Film über den sadistischen Voyeurismus zweier Jugendlicher hat bei den Filmfestspielen in Cannes den Skandal entfacht, der er ist (siehe ZEIT Nr. 22/1997 und ZEITmagazin Nr. 37/1997). Möglich, daß Zeitgenossen ihr Ressentiment nachladen und ein staatserhaltendes Verbot in Anschlag bringen. Es wäre ein Vorwand. Nichts, kein Indiz beweist die visuelle Komplizenschaft mit dem Faschismus der Mörder; Haneke, der rigorose Moralist, quält den Zuschauer nicht mit der Effektgewalt des Fernsehens, sondern mit der Imagination des Bösen. Er nimmt, wenn sich die Kamera in die Gesichter der Geschlagenen versenkt, den ohnmächtigen Zuschauer als Geisel, damit dessen voyeuristischer Blick schuldig wird - so lange, bis das Kino von ihm abläßt.

Worin besteht die Provokation dieses Films, der physische Widerstände auslöst wie momentan kein zweiter? Nicht allein die Hinrichtung einer Familie ist unerträglich, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie geschieht. Haneke zeigt Gewalt sans phrase, ohne Motiv, ohne Anlaß, ohne Erklärung: als Akt absoluter Freiheit. Peter und Paul, die adretten, gebildeten, wohlerzogenen Bürgerskinder (Frank Giering und Arno Frisch), schlagen, weil sie schlagen, und sie töten, weil sie töten. Das Entsetzliche an ihrem Exzeß ist die Kausalität in sich selbst. Ich morde, also bin ich. Der sadistische Voyeur schlägt die Zeit mit einem Mord tot, bis Ruhe herrscht in den funny games seiner Tage.

Wo es keine Wahrheiten mehr gibt, gilt die Wette. Anna (Susanne Lothar) und Georg (Ulrich Mühe) wetten auf der Fahrt; und die Mörder, im Mund die verdrehten Sätze Pascals, wetten auch, aber nicht auf die Existenz Gottes, sondern auf den Teufel und die eigene Allmacht, also auf sich selbst. "Wollen wir wetten, daß ihr morgen früh um neun alle kaputt seid?" Plaudernd zertrümmert Paul dem windelweichen, blassen und feigen Familienvater mit einem Golfschläger das Knie. Kein Flehen erreicht die Täter; ständig verspotten sie die alte Hoffnung, das Gesicht und der Blick eines Menschen seien die definitive Grenze der Freiheit, eine unvordenkliche Hemmung, sich gegenseitig ans Messer zu liefern. Mit unfaßbarer Perfidie zwingen die Fremden Anna zu einem Kindergebet an ihren persönlichen Gott, damit sie die Todesart "frei" wählen kann, die Steigerung ihrer Qual. Versessen sind die Mörder dabei nur auf das richtige Timing; nichts hindert die reine Vernunft am Totschlag. "Warum tun wir das? Ja warum?"

"Warum?" Der österreichische Regisseur Michael Haneke ist kein denkfauler Ontologe, der sich mit der kläglichen Zeitgeistweisheit vergnügt, das Böse sei immerdar und ewig. Er legt eine ganz andere Fährte, und vielleicht verbirgt sich in den unmenschlichen Dialogen das gut gehütete Geheimnis des Films und das Fundament seiner Gewalt. Mit unglaublicher Suggestion zerrt Haneke das Publikum in eine semiotische Hölle, die Gut und Böse, Tod und Leben, Sprechen und Handeln pervertiert. Am Anfang bitten die mit göttlicher Allmacht experimentierenden Teufel um eine Gabe, und aus der einen Gabe leiten sie das Recht auf eine andere ab, doch als sie nicht bekommen, worauf sie kein Recht haben, nehmen sie Rache und richten zu Tode. Dabei bieten die Mörder, und das ist das eigentlich Quälende des Films, alle Kasuistik auf, um die Schuld der Schuldlosen zu beweisen. Sie argumentieren moralisch. Wörter geben Wörter, und unversehens produzieren die Angeklagten in ihrer Verzweiflung die "Schuld", für die sie dann erniedrigt, geschlagen und getötet werden. Und nur die Scham soll sie überleben.

Doch erst dann, wenn der Schock des Endes auch den Anfang schwärzt, sieht man, daß die Gewalt nicht einfach hereinbricht und die Menschen verhext. "Funny Games" ist kein Thriller, kein "Kap der Angst", wo das Außeralltägliche jäh eine Idylle zerstört oder einen irdischen Frieden in Stücke reißt. Längst ist die Gewalt in der Schwebe; sie kommt aus dem Hellen, übergangslos, mit beiläufiger Ruhe, und sie wird körperlich, wenn der Fremde die Küche zum zweiten Mal betritt und das Mobiltelephon linkisch ins Spülbecken rutschen läßt. Von Anfang an ist "Funny Games" von dämonischer Transparenz, als niste das Unheilsgeschehen schon lange im Alltag der Menschen, in den Routinen des Paares, ihrem unhörbaren Mißverstehen und mechanischen Sprechen. Traumlos sind die modernen Subjekte, die nichts mehr erwarten und nichts mehr fürchten; eingeschlossen im Auto, eingeschlossen im Ferienknast, ausgeschlossen von sich selbst. Und wie die Nachbarn unter Todesangst miteinander sprechen, wie unter einem Bann: in nichts unterscheidet es sich vom Alltag der gewöhnlichen, müden und undurchsichtigen Existenz, von wenig berührt, von wenig bewegt. Später schwört das halb totgeschlagene Paar ewige Liebe, aber wenn der Mann und die Frau nicht längst von der Entfremdung ereilt worden wären, dann hätten sie die Fremden zum Teufel gejagt.