Synästhetiker hören Farben, schmecken Ecken und ringen um Selbsterfahrung
Was machst du nun mit den häßlichen blauen Hemden?" fragt die Bremer Psychologin Insa Schulz ihren Bruder - und lacht laut auf. Der Bruder besitzt kein blaues Hemd. Ihre Frage galt den fünf Hemden, die er nicht leiden kann. Die Fünf ist für sie eindeutig eine blaue Zahl.
Wenn sich Insa Schulz einzelne Zahlen oder Wörter vergegenwärtigt, taucht immer eine farbige Fläche und häufig ein dreidimensionales farbiges Objekt auf. Der Ort dieser Erscheinung läßt sich nur in ungenauen Metaphern angeben - inneres Auge, innere Projektionsfläche, vielleicht auch zweiter Blick, Gesicht, Vorstellungsraum. Das Wort süß ist ein gleißender blaßgelber Körper mit roten Rändern, umgeben von einer gloriolengleichen Aufhellung vor anthrazitfarbenem Hintergrund. Die Synästhetikerin hat wochenlang an einer Zeichnung getüftelt, damit sich Normalbegabte eine Vorstellung von ihrer Sinneswelt machen können. Bei ihr wirken einzelne s und ß rot, das ü ist hell, mit grünen und blauen Tupfern. Vokal-Farben dominieren immer Konsonanten-Farben.
Matthias Waldeck, Photograph und Maler aus Hameln, hat eine meterlange Folie bemalt, auf der eine hellbraun gerippte Textur und eine violette, auf- und absteigende, immer wieder unterbrochene Röhre zu sehen sind. Dreißig Sekunden Mozart aus synästhetischer Sicht, der Anfang des Adagios im berühmten Klarinettenkonzert KV 622, das weiche Klarinettentöne erklingen läßt, umfangen von gleichmäßigen Streicherakkorden. Für Waldeck erscheinen Röhren und Rippungen in einer nach rechts laufenden Bewegung, die bei ihm ein blasses Bild erzeugt. Erinnerungsbilder kann er stundenlang präsent halten. Die synästhetischen Effekte hingegen "sind in dem Augenblick da, wenn ich einen Ton höre. Ich kann die Eindrücke vielleicht zwei oder drei Sekunden fassen, dann sind sie weg."
Entsprechend langwierig war die Mozart-Malerei. Martina Waldeck erinnert sich mit Schaudern an die tausendfachen Wiederholungen einzelner Klangsekunden. Es hat sich gelohnt: Ein computergenerierter Kurzfilm ist entstanden. Mit der Mozart-Folie und Insa Schulz' Zeichnungen gehört der Streifen vermutlich zu den ersten Versuchen überhaupt, synästhetische Effekte in Sinneserfahrungen umzusetzen, die allen vertraut sind.
Die Hannoversche Allgemeine Zeitung hatte im Juni 1995 über Synästhesie berichtet und einen Aufruf angefügt. An der Medizinischen Hochschule mögen sich alle melden, "die Emotionen, Gerüche oder Geschmacksrichtungen optisch wahrnehmen, Zahlen, Buchstaben oder Töne farbig sehen oder sonstige Auffälligkeiten bei der Sinnesleistung bemerken". In kurzer Zeit meldeten sich hundert Probanden bei dem Neurologen und Psychiater Hinderk Emrich, darunter Waldeck und Schulz. Sechs von sieben Synästhetikern sind Frauen. Die meisten sehen Farben, wenn sie hören.
Die Schätzungen des amerikanischen Neurologen Richard Cytowic, unter einer Million Menschen seien zehn Synästhetiker zu finden, gelten nicht mehr. Cytowic war im Februar 1980 auf einer Party einem Synästhetiker begegnet. "Auf dem Hähnchen sind zuwenig Spitzen", hatte sein Gastgeber bei der Zubereitung des Dinners geschimpft. Cytowic begann das Phänomen zu untersuchen und verfaßte ein Buch "Farben hören, Töne schmecken". Seither gilt jene Party und der fade Geflügelgeschmack als Ursprungsmythos eines neuen Zweigs der Hirnforschung. Hinderk Emrich, durch Cytowics Werk animiert, nimmt anders als der Amerikaner an, daß bis zu drei von tausend Menschen Synästhetiker sind. Er versucht, Widersprüche im Werk seines Kollegen auszuräumen.
Richard Cytowic hat seine hochgelobte "wissenschaftliche Detektivgeschichte" (Science) mit allerlei Spekulationen versehen. Er hält Synästhetiker für "kognitive Fossilien". Bei Normalbegabten liege dieses einst naturgemäß greifbare Vermögen unterhalb der bewußten Wahrnehmung und werde im Zuge der intellektuellen Aufrüstung vernachlässigt. Mit modischen Seitenhieben gegen den "trügerischen Schein des Bewußtseins" läßt der spiritualitätsfreundliche Amerikaner seine Untersuchungen in Lebenshilfe auslaufen: "Meiner Ansicht nach wären die meisten Menschen gut beraten, wenn sie ihrem Intellekt nur erlaubten, über die Wahlmöglichkeiten zu informieren, nicht aber die emotionale Entscheidung zu überrumpeln."
- Datum 12.09.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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