Kehle zu

Mögen die Soziologen uns einreden, wir Bewohner der zweiten Moderne seien auf dem besten Weg, allseits flexible Durchgangsstationen für immer schneller wechselnde Moden, Meinungen und Mutmaßungen zu werden - spätestens wenn dieses Würgen einsetzt, wissen wir es besser.Noch einen Schluck nehmen, noch einen Hauch einatmen, noch einmal hinschauen, noch ein weiteres Wort hören müssen - und wir werden uns auf der Stelle übergeben.Aufmunterndes Zureden macht die Sache jetzt nur noch schlimmer: Wir sind am Nullpunkt der Toleranz angelangt, unsere wohlwollende Anpassungsfähigkeit stößt an eine körperliche Grenze.Schluß.Aus.Genug. Mehr als durch unsere Überzeugungen wissen wir durch unseren Ekel, wer wir sind.Wenn er sich meldet, droht uns allerdings ein Identitätserlebnis besonderer Art: Körper und Geist untrennbar vereint in einem konvulsivischen Widerwillen, in einem einzigen Zucken des Aufstands.Ist es einmal so weit gekommen, hilft es nichts, sich klarzumachen, daß auch unser Ekel einem historischen Wandel unterliegt."Es ist ziemlich bemerkenswert", schreibt William Ian Miller in seiner großen Studie "The Anatomy of Disgust" (Harvard University Press), "auf wieviel Veränderungen in den Ekelnormen wir uns im Laufe eines Lebens einzustellen lernen." Der Ekel ist ein moralisches Gefühl, sagt Miller.Wir ekeln uns, wenn unsere Reinheit in Gefahr gerät.Durch Ekel stecken wir die Grenzen unseres moralischen Selbst immer wieder neu ab.Eine prekäre Aufgabe, denn wir müssen uns ja täglich gegen eine Welt behaupten, die sich um Reinheit nicht schert. Ohne Fähigkeit zum Ekel, so Miller, gäbe es auch keine Heiligkeit.Mit zugeschnürter Kehle bewundern wir die Heiligen, diese absoluten Souveräne des Widerwillens, die alle Ekelschwellen mit beschämendem Mut überschreiten - von der Heiligen Katharina von Siena, die den Eiter ihrer Patienten trank, bis zu jener albanischen Nonne, die sich mit den Leprösen Kalkuttas umgab.Wie rein müssen diese Heiligen sein, daß nichts sie beflecken kann! Wir hingegen werden immer empfindlicher, wie ein Blick ins neue "Kursbuch" lehrt, das sich dem Thema "Ekel und Allergie" widmet.Karl Markus Michel vertritt dort die Auffassung, daß der Prozeß der Zivilisation heute rückläufig sei.Die Empfindung von Scham gegenüber der eigenen Leiblichkeit und der Ekel gegenüber der fremden sei im Schwinden begriffen.Anstelle des einst beklagten Unbehagens in der Kultur, so Michel, mache sich jüngst ein ungeahntes Behagen breit.Die These könnte gar nicht wirkun gsvoller widerlegt werden als durch die ansteckenden Untersuchungen der "Kursbuch"-Autoren, Michel selber allen voran: Noch nie sind die kulinarischen Schrecken der Imbißkultur unserer sozialdemokratischen Stadtteilfeste so eindringlich geschildert worden.Aber auch sonst entgeht den Ekelforschern nichts, das die verfeinerten Nerven beleidigt: der Hundekot auf den Straßen, die unbekümmerte Nacktheit in den Parks, der Schweiß der Techno-Tänzer, das Kaugummikauen, die Joggingmode, die ubiquitäre Musikberieselung, ja sogar die glatte Oberfläche des neuen Mercedes - würg! Allerdings ist der Widerwillen gegen dergleichen längst kein Privileg der Intellektuellen mehr.Die Massengesellschaft hat auch den Weltekel - in Gestalt der Verachtung der Masse - massenhaft zugänglich gemacht.Von wegen Behagen in der Kultur: Nie sind die anderen uns mehr auf die Nerven gegangen als heute.Das allseits angeekelte Individuum bevölkert die Gegenwart.Die Zunahme der allergischen Erkrankungen ist nur der somatische Untergrund dieser Entwicklung.Durch unseren Snobismus halten wi r uns wechselseitig in Schach.Der Ekeltheoretiker Miller gründet eine grimmigironische Sicht der demokratischen Gesellschaft auf diese Beobachtung: Könnte es nicht sein, daß die pluralistische Demokratie sich weniger um gemeinsame Werte als vielme hr um die Chancengleichheit zu wechselseitiger Verachtung dreht? Wie bitte?Das soll der Kern einer liberalen Ordnung sein?Das ist ja ekelhaft!Eben.

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    • Von Joerg Lau
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 39/1997
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