HAMBURG. - Zu den wenigen Errungenschaften der Revolution von 1848 gehört das Recht, in der Öffentlichkeit zu rauchen.

Rigorose Rauchverbote herrschten vielerorts im 17. und 18. Jahrhundert, ihre Mißachtung konnte - beispielsweise 1691 in Lüneburg - einen Raucher den Kopf kosten. Begründet wurden die Verbote anfangs mit der Feuergefahr. 1633 hatte ein Feuer, das auf einem Schiff ausgebrochen war, halb Konstantinopel zerstört. Unter dem Vorwand, die Brandkatastrophe sei auf das Rauchen zurückzuführen, verbot Sultan Murad IV. es unter Androhung der Todesstrafe.

Aber schon diesen Despoten dürfte vor allem der Eigennutz geleitet haben, galten doch Raucher als Oppositionelle, deren Güter nach einer Hinrichtung zugunsten des Herrschers eingezogen werden konnten.

Moderner war die protestantische Schweiz. "Du sollst nicht rauchen", setzte der Magistrat von Bern 1661 auf die Tafel der Zehn Gebote, hinter das Verbot des Ehebruchs. Es ging ihm wohl mehr um eine Verzichtsmoral als um die körperliche Unversehrtheit. Ein rückfälliger Raucher in Zürich etwa konnte auch "mit ruthen außgehauen / oder mit einem zeichen gebrennt" werden.

Die Vergeblichkeit solcher Drohungen veranlaßte schließlich die Obrigkeiten, aus der Erziehung ein Geschäft zu machen: Körperliche Züchtigung wurde durch Geldbußen ersetzt. Erste Versuche mit einer Art Tabak-Strafsteuer freilich scheiterten noch am Widerstand des Volkes. Der Tabak wurde zum Politikum.

Vor allem in Preußen, dieser autoritären Hochburg, blieb das Rauchverbot eine Disziplinarmaßnahme. Da es sich auf das überprüfbare Rauchen in der Öffentlichkeit beschränkte, konnte es noch nicht einmal durch das Ethos des Verzichts gerechtfertigt werden. (Gesundheitliche Gefährdungen waren noch unbekannt.) Im Bedarfsfall wurde das Rauchverbot aufgehoben. Während der Besetzung von Berlin durch französische Soldaten, denen man kaum das Rauchen verbieten konnte, oder während der Choleraepidemien 1831 und 1837, als die Medizin wieder einmal die gesundheitlichen Vorzüge des Rauchens entdeckte, durfte sogar in der Hauptstadt öffentlich geraucht werden. Sobald aber die Normalität wiederhergestellt war, erneuerte der Polizeipräsident von Berlin das Verbot. Aber sogar in diesem untertänigsten aller deutschen Staaten ließ es sich kaum noch durchsetzen.

Das Volk erkannte im Rauchverbot die Fürstenwillkür, was die Obrigkeit wiederum in ihrer Furcht bestärkte, Rauchen fördere die Demokratie. Zu Recht wies Georg Böse auf die egalisierende Wirkung des Rauchens hin: "In der Kumpanei der Raucher wurde die soziale Rangordnung unwesentlicher, und bald war es das Recht jeden freien Mannes, den anderen um Feuer zu bitten, ganz gleich, welchen Standes er war." Hinzu kam, daß die Zigarrendreher die militante Avantgarde der Arbeiterbewegung bildeten. Die Zigarre, längst noch kein Symbol des kapitalistischen Unternehmers, wurde Ausdruck liberaler Dreistigkeit oder gar demokratischer Gesinnung wurde zum Kennzeichen für "Volksverhetzer" und "Wühler".