Das neue Wagnis Arbeit: Job-Nomaden vertreiben Angestellte aus ihrer geschützten Welt.
Eine feste Adresse braucht diese Firma nicht. Alles "bewegt sich so schnell", sagt der Chef immer wieder, und alles "findet im Kopf statt". Da ist es nur logisch, daß es dort keine starren Strukturen und keine festen Angestellten mehr gibt, sondern nur ein weitmaschiges Netz von Auftraggebern und Auftragnehmern. Dennoch leistet sich die Münchner Agentur Newplan, die arbeitsuchende Freiberufler an Unternehmen vermittelt, teppichgeflieste Büroräume und schwere Schreibtische mit festinstallierten Telephonen. All dies ist ein Rest Romantik, eine kleine Konzession an die Vergangenheit, als die Menschen noch an dem Glauben hingen, daß ein gutgehendes Unternehmen Türen, Fenster und Arbeitsgeräte haben müsse. Gelegentlich genießen die Geschäftsführer den antiquierten Luxus ihrer großzügigen Büros, die sie vor allem als "Ruhezonen" empfinden, weil dort fast nie ein Besucher auftaucht.
Neben den Bürotüren hängen keine Namensschilder, sondern Nummern, beliebige Ordnungsziffern. Dafür sind im Vermittlungspool der Computer die Namen von 1600 Freiberuflern erfaßt. Ihre Fähigkeiten sind genaustens archiviert, und ein Paßbild wird meist nicht benötigt. So sehe die Arbeit der Zukunft aus, meint Geschäftsführer Stephan Löchler, "unsere Firma dreht sich, wie der Markt sich dreht."
Besonders der Jobmarkt dreht sich rasant: Die industriell geprägte Welt der Arbeiter und Angestellten löst sich auf. Aus freien Stücken oder mangels Alternative werden jeden Tag Hunderte von ihnen selbständig oder lassen sich auf Leih- oder Telearbeit ein. Selbst nach vorsichtigen Schätzungen stehen nicht einmal mehr zwei Drittel der Arbeiter und Angestellten in Fabrik und Büro in einem sogenannten Normalarbeitsverhältnis - vollzeitig, dauerhaft, sozial abgesichert. "Normal" werden sie genannt, weil den Arbeitsforschern nichts besseres eingefallen ist. Dabei sind die "Normalen" auf dem besten Weg, zu einer Minderheit abzurutschen: Immer weniger Menschen werden fest angestellt - weil sie nicht wollen, können oder dürfen.
Bringt die neue Arbeitswelt nur noch Individualisten hervor, werden Wohlstand und beruflicher Erfolg zum Privileg kaltschnäuziger Einzelkämpfer? Sind kollektive Flächentarife, Renten- und Sozialsysteme die Markenzeichen einer sterbenden Wirtschaftsordnung? Oder muß die betonierte Angestelltenwelt der Elterngeneration zusammenbrechen, um Platz zu schaffen für die ganz anderen Berufswünsche ihrer mündigen Kinder?
Fast 5,5 Millionen Menschen begnügen sich inzwischen mit Teilzeitjobs. Rund 4 Millionen verdingen sich für monatlich 610 Mark oder weniger in "geringfügigen Beschäftigungsverhältnissen"; ursprünglich von Ehepaaren, die Abgaben sparen wollten, und Studenten genutzt, bieten die 610-Mark-Jobs heute immer mehr Arbeitsuchenden - von der Putzfrau bis zum Verkäufer - die einzige Chance, für die Familie etwas hinzuzuverdienen.
Noch sind es etwa 250 000 Zeitarbeiter, die von ihren Firmen für Tage oder Wochen an andere Unternehmen verliehen werden - doch auch ihre Zahl steigt rasant. Schneller wächst das Heer der Scheinselbständigen, die offiziell auf eigene Rechnung und damit ohne Sozialversicherung arbeiten, aber wie Angestellte von einer einzigen Firma abhängig sind und von ihr täglich dirigiert werden. Rund 700 000 scheinbare Unternehmer in eigener Sache hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg ermittelt.
"Wir sind in Deutschland an einem Grenzpunkt angekommen. Der wirtschaftliche Leidensdruck wird größer, und das Tempo auf dem Weltmarkt bestimmt die Nachfrage nach flexiblen Fachkräften, die keine Folgekosten verursachen", meint der 46jährige Newplan-Chef Löchler. Im Augenblick erlebt er die Erfüllung einer geschäftlichen Vision: Bis zu 150 Freiberufler erkundigen sich bei ihm jede Woche nach geeigneten Projekten, von denen die wenigsten mehr als einige Monate dauern. Vor allem EDV-Unternehmen greifen auf den Pool von Freiberuflichen zurück, bestellen Arbeitskräfte nach Maß und schließen mit ihnen Honorarverträge ab, während die Agentur Newplan Vermittlungsgebühren kassiert. Immer mehr hochqualifizierte Leute melden sich: Ingenieure, Chemiker, Physiker, Informatiker, aber auch Ärzte mit eigener Praxis, die nebenbei medizinische Fachtexte übersetzen wollen - als Freelancer.
- Datum 19.09.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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