Sie ist weder schön noch groß, scheint auf den ersten Blick arg in die Jahre gekommen und hat eigentlich gar nichts, was Begehrlichkeiten wecken könnte. Und doch ist sie eine Pilgerstätte, sagen die Leute im Dorf. An manchen Tagen zur Hochsaison sollen es einige Hunderte sein, die sie besuchen, die steile Schotterstraße hinaufwandern, über die Einfahrt zur Terrasse kommen, jeden Quadratmeter sorgsam begutachten, neugierige Blicke ins Innere werfen. Sie ist eigentlich eine alte Hütte mit abgewetzten erdfarbenen Mauern, kleinen quadratischen Fenstern wie Schießscharten, einer dunklen Terrasse mit großem Vordach, um das sich grünes Buschwerk rankt, und einem reizlosen Anbau.

Ein schmächtiges altes Haus in einem unscheinbaren Dorf auf einer Insel, auf der die Menschen vor allem von der Landwirtschaft leben und auf welcher der Tourismus nur eine Nebenrolle spielt. Daß dieses Haus zu einer Pilgerstätte avancierte, dafür brauchte es eine besondere Geschichte. Die begann vor etwa vier Jahren, als ein Filmproduzent auf Salina landete, um, wie man in solchen Kreisen sagt, nach einer location zu suchen. Gerade auf Salina, die unter den Liparischen Inseln als die unscheinbare, die bäuerliche gilt. Kein Vergleich mit dem lebhaften Lipari, dem mondänen Panarea oder dem mystischen Stromboli. Und gerade das stille Dorf Pollara, das am weitesten vom Hafen in Santa Marina entfernt liegt, dessen öffentliches Leben sich auf eine Telephonzelle und eine Kirche beschränkt, hatte es den Filmleuten angetan.

Der Rest dieser Geschichte ist schnell erzählt. Einen Monat lang drehte das Team auf Salina, in dem alten Haus, das dem Maler Pippo Cafarella gehört, und am schmalen Strand unterhalb der Felswand. Der Film hieß "Il Postino" - und erzählt von einem einfachen Briefträger, der mit dem berühmten Dichter Pablo Neruda Freundschaft schließt, die Poesie entdeckt und damit die schöne Nichte der Trattoria-Wirtin erobert. Der Film nach Vorlage eines Buches von Antonio Skármeta wurde auch wegen seiner beiden Hauptdarsteller Massimo Troisi und Philippe Noiret weltberühmt und bekam etwas Tragisch-Legendenhaftes, weil der herzkranke Troisi wenige Tage nach Drehschluß starb.

Vor allem Troisi, dessen schüchterne, fast zerbrechliche Art viele Zuschauer faszinierte, hinterließ der Insel eine plötzliche Popularität. Hinzu kam die Poesie des Films, gewachsen aus den Bildern einer grandiosen, urwüchsigen Landschaft. Beides zusammen verschmolz zu einem Objekt der Sehnsüchte. Eine Fußnote im Nachspann genügte, daß Leute aus Italien, Frankreich, aus Deutschland und selbst aus Chile, wo die Romanvorlage spielt, nach Salina kamen. Auf der Suche nach der Welt von Mario, wie der Briefträger im Film hieß. Wohl auf jeder anderen Insel hätte man den Ruhm schnell versilbert, das Haus des Dichters in ein Museum verwandelt, würden vielleicht die Händler Photos und Aufkleber oder Briefträgermützen verkaufen.

In einem der wenigen deutschsprachigen Reiseführer über die Liparischen Inseln wird Salina die Ehrliche genannt. Das trifft in gewisser Weise auch auf die Geschichte mit dem "Postino" zu und auf die Art, wie man in Salina damit umgeht. Man macht kein Aufhebens. Nicht einmal Wegweiser zu den Drehorten gibt es, obwohl sie doch einen Besuch wert wären, weil der Strand bei Pollara zu den schönsten Plätzen auf der Insel zählt. Aber auf Salina findet man keinen "Postino"-Tourismus. Diese Bescheidenheit oder, wenn es das nicht ist, dann diese Form angenehmen Desinteresses mag Salina von Lipari, der lauten, geschäftstüchtigen Nachbarinsel, unterscheiden. Längst sind auf Lipari die Gassen rund um den Hafen unterhalb der Festung zugepflastert mit Lokalen, Souvenirläden und Boutiquen, während man auf Salina immer noch stolz davon erzählt, daß man mit den Kapern und dem Malvasier das Geld verdiene. Jenem Wein, der noch dazu als Malvasier aus Lipari und nicht aus Salina bekannt ist.

Seinen Namen bekam Salina vom Salzabbau in der Bucht von Lingua, wo man auch noch Reste römischer Mauern entdecken kann. Die Salinen wie auch die alten Mauern sollen demnächst restauriert werden. Eine späte Hommage an die Geschichte einer Insel, die nie als besonders schön und begehrenswert galt. Ende des 19. Jahrhunderts erzielte Salina nicht nur Erfolg mit dem Anbau des Malvasiers. Man besaß auch eine stolze Handelsflotte von rund zweihundert Schiffen. Wenig später fand alles jedoch ein jähes Ende: Die Reblaus vernichtete einen Großteil der Weinstöcke, die neue Bahnverbindung von Neapel nach Reggio Calabria machte den Schiffshandel überflüssig. Die Insel konnte ihre Leute nicht mehr ernähren. Viele zogen weg, nach Amerika und vor allem nach Australien. Von 9000 blieben nur 4000. Ein Schicksal, das auch den anderen Inseln nicht erspart blieb.

In den fünfziger und sechziger Jahren begann die Zeit des Tourismus. Auf Lipari, auf Stromboli. Dort hatte Roberto Rossellini 1949 mit Ingrid Bergman den Kinoklassiker "Stromboli, Terra di Dio" gedreht, was der Insel einen dauerhaften Ruhm einbrachte. Aber während anderswo Hotels und Restaurants gebaut wurden, blieben die Bauern von Salina beim Malvasier und bei ihren Kapern.