Barschel Die offene Akte
Zehn Jahre "Barschel-Affäre": Dass noch immer vieles im dunkeln liegt, wirft ein zwiespältiges Licht auf Politik, Justiz und Journalismus (aus der ZEIT Nr. 40/1997)
Lübecker Staatsanwaltschaft erhält neue Hinweise auf Ermordung Barschels Bonner Kanzleramt dementiert Kenntnisse über die Todesnacht Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt erneut gegen Engholm-Vertrauten - drei Meldungen aus den vergangenen drei Wochen. Von Geschichte keine Spur. Im Gegenteil: Die "Akte Barschel", angelegt vor zehn Jahren, wird dicker und dicker, Tag für Tag.
Abschließend lassen sich die Ereignisse von 1987 womöglich nie bewerten.
Vieles liegt noch im dunkeln. Aber die langjährigen, oft von Häme und Kopfschütteln begleiteten Untersuchungen konnten ein durchaus neues Licht auf jenes Panorama werfen, das im nationalen Gedächtnis unter "Barschel-Affäre" abgelegt ist.
Für die Öffentlichkeit begann der Skandal am 7. September 1987, eine Woche vor den schleswig-holsteinischen Landtagswahlen. Der Spiegel berichtete in einem seltsam verklausulierten Artikel, daß Björn Engholm, der sozialdemokratische Herausforderer Uwe Barschels, beschattet worden sei und eine anonyme Steueranzeige gegen ihn vorliege. Eine knappe Woche später, am Tag vor der Wahl, legte das Magazin in einer aufsehenerregenden Vorabmeldung nach: Der Ministerpräsident selbst stecke hinter den Attacken auf seinen Rivalen.
Als Kronzeuge präsentierte der Spiegel einen Mann aus Barschels Pressestelle: Reiner Pfeiffer. In einer eidesstattlichen Versicherung hatte er niedergelegt, daß ihn sein Chef zu verschiedenen Bösartigkeiten angestiftet habe. Barschel habe nicht nur die Steueranzeige und die Observation angeregt, sondern von Pfeiffer verlangt, eine Wanze ins Amtstelephon einzubauen, um Engholm einen Abhörversuch anzuhängen. Zur Unterstützung der Vorwürfe veröffentlichte der Spiegel "Beweisstücke", die Pfeiffer zur Verfügung gestellt hatte.
Die Landtagswahl kostete die CDU, die fast vierzig Jahre regiert hatte, die Mehrheit im Parlament herrschte ein Patt. Während Björn Engholm am Wahlabend seiner Bestürzung über den Spiegel-Bericht Ausdruck gab, schwieg Barschel.
Fünf Tage später gab er auf einer Pressekonferenz sein Ehrenwort: Alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien haltlos. Engholm bestritt zeitgleich jegliche Kontakte zu Pfeiffer. Eine Woche später, am 25. September, trat Uwe Barschel vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Zwar bestritt er erneut die Vorwürfe, übernahm aber die "politische Verantwortung" für die Wahlkampfattacken. Das Kieler Parlament setzte einen Untersuchungsausschuß ein, und Barschel verabschiedete sich in den Urlaub.
Nachdem sich in der ersten Sitzung des Untersuchungsausschusses herausstellte, daß Barschel gelogen hatte, als er dementierte, je von einer anonymen Steueranzeige gewußt zu haben, rief ihn die CDU-Fraktion aus dem Urlaub zurück und beschloß, ihm die Niederlegung seines Landtagsmandats nahezulegen. Doch dazu kam es nicht mehr. Am 11. Oktober 1987 fand ein stern-Reporter den Politiker tot im Genfer Hotel "Beau-Rivage".
Die Schweizer Ermittlungsbehörde erkannte auf Selbstmord, das Politik-Drama schien auf tragische Weise geklärt: Barschel hatte sich das Leben genommen, weil er mit seiner Schuld nicht weiterleben wollte. Zweifel an den Beschuldigungen Pfeiffers, der sich längst in zahlreiche Widersprüche verstrickt hatte, verebbten unter der scheinbaren Evidenz der Ereignisse: Hand in Hand mit dem deutschen Journalismus machte sich der Erste Kieler Untersuchungsausschuß daran, "Barschels schmutzige Tricks" (Spiegel) mit Hilfe von Pfeiffers Aussagen zu rekonstruieren.
Mit dem Abschlußbericht des Parlamentariergremiums fand das Schwarz-Weiß-Bild vom machtbesessenen Ministerpräsidenten und seinem tugendhaften Rivalen Eingang in die Schulbücher. Wie ein Märchenprinz gewann Björn Engholm, der Mann, der eine neue politische Kultur versprach, die nachfolgenden Wahlen mit absoluter Mehrheit. Mit Engholm schien auch die Selbstreinigungskraft der Demokratie gesiegt zu haben.
- Datum 04.10.2007 - 08:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 40/1997
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Der Autor Buchsteiner war schon zu Zeiten der Schubladen-Affäre einer der wenigen Journalisten die sich nicht haben einwickeln oder platt pöbeln lassen. Buchsteiner war neben Volker Zastrow von der FAZ die personifizierte Hoffnung auf den Durchbruch, der sich leider erst heute, aber dafür kräftiger denn je durchsetzt.
Interessanter als die aktuelle faktenorientierte Berichterstattung sind allerdings die zum Teil himmelschreienden Kommentare derjenigen, die noch immer kramfhaft zu retten versuchen was schon längst verdampft ist. Die immer schriller werdenden Stimmen lassen die dumpfe Verzweiflung im Innern erahnen, die an den Lebenslügen nagen und letztendlich sagen: "Wenn Du die Tatsachen eingestehst, gestehst Du gleichzeitig 20 Jahre blind gewesen zu sein!". Das aber wäre immerhin besser als auch dann noch den Rest des Lebens weiterhin blind zu bleiben.
Betrachtet man aufmerksam die Akteure aus Politik und schreibenden Zünften die auch noch heute mit Macht versuchen die Zeit ab Herbst 1987 zu ignorieren, trennt sich die Spreu durch ihre schrillen Stimmen selbstständig vom Weizen.
Dieser Bericht verdient besondere Beachtung, gerade jetzt und in diesem Blatt.
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