Die Mädchen haben aufgehört, johlend Macarena zu tanzen.Sie kauern mucksmäuschenstill in den Sitzen, während die Gischt gegen die Bullaugen klatscht.Auch die Jungs haben ihre Blödeleien aufgegeben.Selbst der Frechste aus der französischen Schülerschar bringt keinen Witz mehr über die Lippen.Je länger das schwankende Fährschiff mit häßlichem Knirschen durch meterhohe Wellen pflügt, desto häufiger sieht man jemanden mit aschfahlem Gesicht zur Toilette eilen.Die Matrosen, die Anker und Taue für das Anlegen vorbereiten, können sich ein Grinsen nicht verkneifen.Wie heißt es doch schon seit ewigen Seefahrerzeiten: Qui voit Ouessant, voit son sang, was heißt: Wer Ouessant sieht, sieht seinem Blut, sprich seinem End e, entgegen. Die Île d'Ouessant, mit zwanzig Kilometer Entfernung vom Festland die abgelegenste der französischen Atlantikinseln, ist von tückischen Meeresgräben eingekesselt.Die Schiffe, die sich aus östlicher Richtung heranwagen, müssen die berüchtigte fünfzig Meter tiefe Fahrrinne Passage du Fromveur durchqueren, in der die gewaltigste Gezeitenströmung Europas das Wasser aufpeitscht. An Bord des Passagierschiffs, das in zweieinhalb Stunden die Hafenstadt Brest über den Badeort Le Conquet und die Insel Molène mit der Île d'Ouessant verbindet, kann man eine Seekarte erwerben, auf der die verunglückten Schiffe und deren Friedhöfe aufgelistet sind: von der mit Kakao und Reis beladenen französischen Fregatte Atlas (1739 gekentert) über den englischen Dampfer Drummond Castle (1896) bis zu neuzeitlichen Unglückspötten wie der Olympic Bravery (1976) oder der Amoco Cadiz, die im Jahre 1978 eine gigantische Ölpest verursachte. Jährlich ziehen 50 000 Containerschiffe, Kreuzer, Frachter und Tanker, viele unter Billigflagge, in Sichtweite nordwestlich an der Insel vorbei, um in den Ärmelkanal zu fahren.Um an dieser Passage, die eine der gefährlichsten der Welt ist, Schiffbrüchen vorzubeugen, wurde nach dem Amoco Cadiz-Desaster die "Rail d'Ouessant", die Schiene von Ouessant, geschaffen.Dieses maritime Stellwerk regelt und überwacht mit ausgeklügelter Radartechnologie sowie mit dem Einsatz von Hubschra ubern und Seenotschleppern den atlantischen Highway. Inmitten der aufmüpfigen See wirkt die an ihren äußersten Enden acht Kilometer lange und vier Kilometer breite Insel, deren bretonischer Name Enez Eusa lautet, wie eine in den Fluten verankerte Festung aus Granit.Mit ihren moosigen, runden Steinen an kantigen Felsstränden, ihren türkisfarbenen Buchten, mit ihren lärmenden Möwen in den Steilwänden, ihrem gelben Stechginster, ihrem Farn- und Heidekraut und mit ihrem regendurchtränkten, matratzenweichen Rasen, auf dem robuste Schafe weiden, kann di e Île d'Ouessant eine landschaftliche Verwandtschaft mit dem wilden und windigen Irland nicht leugnen.Die wenigen Bäume, die sich in den Senkungen behaupten, wurden von Orkanböen in die Schräge geprügelt.Obwohl die Vegetation karg ist, bietet sie unz ähligen See- und Wandervögeln Schutz.Auf Ouessant befindet sich das einzige Vogelkundezentrum Frankreichs, das ganzjährig Beobachtungs- und Forschungsmöglichkeiten bietet. Der Hauptort heißt Lapaul.Um dessen Kirche scharen sich schutzsuchend der Friedhof und das gewundene Gassengeflecht mit den Kneipen: Bibelfestigkeit und Trinkfestigkeit liegen bei den Bretonen eng beieinander.Die anderen Häuser stehen weit verstreut.Von grauen Bruchsteinmauern eingesäumt, leuchten weißgekalkte Fassaden mit grün-, rot- oder blaugestrichenen Klappläden und Türrahmen.Genauso buntscheckig sind die hölzernen Wetterfahnen, die in mit Hortensien bepflanzten Gärtchen stehen und denen man die Form von Walfischen, Möwen oder Langusten gegeben hat.Die Tradition dieses Farbpotpourris stammt von früher, als die Matrosen und Werftarbeiter Eimer mit Farbresten stibitzten, um damit ihre Häuser zu verschönern. Nur noch Erinnerung sind die Zeiten, als Ouessant als autarke "Insel der Frauen" galt, weil die Männer, die sich bei der Handelsmarine, den Kap-Hoorn-Fregatten oder den Kabeljaufängern verdingt hatten, monate- und jahrelang nur durch Briefe von sich hören ließen.In zwei schrundigen Häusern aus dem 18. und 19.Jahrhundert, die als Museum eingerichtet sind, belegen Mobiliar und Hausrat die damalige Kargheit.Die Möbel wurden aus mehrfarbigem Wrackholz zusammengezimmert.Das Getreide, von den Frauen a uf den Feldern geerntet und in inseleigenen Windmühlen gemahlen, lagerte in Truhen unter dem Bett.Geheizt wurde mit getrocknetem Kuhdung, Algen und Graswurzeln.Einziger Wandschmuck waren die Madonnen, Heiligenbildchen und die an Weihnachtsschmuck eri nnernden farbigen Glaskugeln, welche die Schwimmer von Fangnetzen und Hummerkörben symbolisierten. Die Kunde von den Schiffsunglücken und dem Tod der Männer kam erst nach Monaten auf die Insel und gab Anlaß zur proella, einem makabren Brauch, bei dem der Frau oder der Mutter des Verstorbenen nächtens von einem Verwandten eine kleine Wachsfigur überbracht wurde, die den Verstorbenen darstellen sollte. Die Insel zählt 1000 Dauerbewohner, 1000 Schafe, 500 Fahrzeuge, eine staatliche und eine private katholische Schule, einen Arzt sowie einen Gendarmerieposten, der nur in der Saison besetzt ist.Wenn im Sommer die Fähren mehrmals am Tag anlegen, gesellen sich bis zu 2500 Ferienhausbesitzer und Tagesausflügler hinzu.Sightseeing-Fahrten mit klapprigen Taxis rund um die Insel und das Mountainbike-Verleihen tragen dazu bei, daß es nicht noch mehr Arbeitslose gibt.Vergleicht man Ouessant mi t bretonischen Prominenteninseln wie der mit Thalassocenter und Golfplatz ausstaffierten Belle-Île, so ist die touristische Infrastruktur bescheiden: vier schlichte Hotels, einige Privatzimmer, ein tennisfeldgroßer Campingplatz, ein halbes Dutz end Crêperies und Restaurants, eine Tauchschule, ein Segelclub, eine kleine Pferdefarm. Die kapriziöse See und das Fehlen eines geschützten Hafens erschweren das Fangen von Rochen und Garnelen, so daß Ouessant nur fünf Fischer zählt.Die Schafzucht wird für den Eigenbedarf betrieben.Die Insel setzt sich aus 92 villages, Minidörfern, die oft nur aus einem einzigen Haus bestehen, und aus 50 000 kunterbunt verstreuten Privatparzellen zusammen.Dieses während Jahrhunderten durch komplizierte Erbschaften und archaisches Tauschen unter Nachbarn entstandene Puzzle überblicken selbst die Ein heimischen nicht mehr. Der Aufkauf größerer Flächen ist schier unmöglich, was den Vorteil hat, daß keine Ferienclubsiedlungen und Hotelanlagen die Insel verunzieren.Doch an den oft nur per Handschlag und Ehrenwort geregelten Besitzverhältnissen scheiterten auch Versuche, mit Gemüseanbau oder Rinderzucht wirtschaftliche Alternativen anzusiedeln. Man muß schon ein bretonischer Dickschädel sein, um nichtsdestotrotz ein solides ökonomisches Standbein schaffen zu wollen.So einer ist Jean-Yves Moigne.In seiner rotbesudelten Schürze sieht er aus wie ein Schlachtermeister.Doch in Wirklichkeit ist er gerade dabei, mit einem riesigen Mixer rote Algen zu häckseln.Der Agraringenieur will die Inselgemeinschaft mit einer neuen, ökologisch korrekten Einnahmequelle beglücken.Kosmetik- und Pharmaunternehmen kaufen die Extrakte der Alge namens Asparag opsis auf, um damit Produkte für Hautregeneration herzustellen. Die Algen von Ouessant sind begehrt, da diese Art sonst nur noch in Irland vorkommt.Doch das Ernten und das Verarbeiten sind mühselig und die Gewinnspanne gering, so daß Jean-Yves Moigne derzeit lediglich drei Leute beschäftigen kann."Ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß die Aquakultur irgendwann bis zu sechzig Vollzeitjobs schafft", sagt der Herr der Algen und wendet sich unbeirrt seinen blubbernden, ballonförmigen Chemiebehältern zu. Bürgermeister Denis Palluel, im Hauptberuf Geographie- und Geschichtslehrer, ist weniger optimistisch und sorgt sich um die fehlenden Berufsperspektiven für die Jugend: "Mit gleich zwei Schulen, in denen derzeit sechzig Schüler unterrichtet werden, sind wir regelrecht verwöhnt.Doch wer weiterstudieren möchte und einen qualifizierten Job sucht, muß die Insel verlassen.Erst im Pensionsalter zieht es viele Ouessantins wieder auf die Insel zurück, um in dem über Jahre als Ferienbleibe genutzten el terlichen Haus ihren Lebensabend zu verbringen."Den Kotau vor dem Massentourismus wollen Monsieur le Maire und die Mehrheit der Einwohner nicht machen.So haben sie sich erfolgreich gegen den Einsatz größerer und schnellerer Fähren gewehrt, die in de r guten Jahreszeit noch mehr Gäste auf die Insel katapultiert hätten. Auf das "Am Ende der Welt"-Klischee reagieren die Bewohner allergisch, obwohl zwischen Ouessant und der New Yorker Freiheitsstatue kein Quadratmeter Land mehr liegt.Aber ein klein bißchen Eigenwilligkeit wollen sie dennoch nicht missen.Die splendid isolation hat ihren Preis.Wer im Winter aufs Festland zum Zahnarzt muß, ist wegen der schlechten Schiffsverbindungen gezwungen, zweimal dort zu übernachten, ehe er wieder auf die Insel zurück kann.Vom Flughafen Brest aus startet zwar zweimal täglich eine neun Passagiere fassende Cessna nach Ouessant.Doch von diesem nur zwanzig Minuten dauernden Lufthopser machen die Insulaner nur in Ausnahmefällen Gebrauch, da die Taxikosten zum Airport und das Flugticket sich zu umgerechnet 200 Mark zusammenl äppern. Der bretonischen Küste weit vorgelagert, leuchtet Ouessant seit Jahrhunderten den Schiffen den Weg.Doch bevor Vauban im Jahre 1700 die Insel mit einem ersten, heute noch existierenden Leuchtturm ausrüstete, hatten die Leute von Ouessant, die heute als unerschrockene Retter in Seenot gelten, einen mörderischen Ruf.Die Arbeit des Strandguträubers galt nicht als unehrenhaft, und so band man nachts Rindern Fackeln an die Hörner, um Schiffe in die Irre zu leiten und sie an den Riffen zerschellen zu lassen.Erst Colbert, Staatsmann und Marineminister, machte der hinterhältigen Piraterie ein Ende, indem er 1681 die Todesstrafe für Strandräuber einführte. Spannendes über die Geschichte von Leuchttürmen, Signaltonnen, Baken und Bojen vermittelt ein Museum, das sich am Fuße des 55 Meter hohen, schwarzweiß gestreiften Phare du Créac'h befindet.Mittlerweile vollautomatisiert, ist der 1862 konstruierte Créac'h der stärkste Leuchtturm Europas.Sein Lichtstrahl ist mehr als fünfzig Kilometer weit zu sehen.Im Museum werden gewaltige Fresnellinsen gezeigt sowie Modelle berühmter Leuchttürme wie das des Anfang des 17.Jahrhunderts filigran wie eine Kat hedrale errichteten Cordouan-Leuchtturms an der Gironde-Mündung. Wer nachts über die Inselpfade wandert, wähnt sich in einem Science-fiction-Film.Als gelte es, Außerirdischen den Landeplatz auszuleuchten, blitzen in kurzen Abständen weiße, rote und grüne Positionslichter auf.Grelle Lichtkegel huschen über die Wellenkämme und tauchen den zerklüfteten Inselsaum in ein dämonisches Licht.Nicht nur der Leuchtturm von Créac'h und Vaubans denkmalgeschützter Phare Le Stiff stellen sich mit ihren Halogenbirnen in den Dienst der Navigation.Auf See selbst gibt e s die Türme Kéréon, La Jument, Men Korn und Nividig, welche die riffgespickte Kanaleinfahrt erhellen.Früher bekreuzigten sich die Seeleute, wenn die Insel in Sichtweite rückte.Heute können die Besatzungen beruhigt sein - Ouessant hält Wacht. Anreise: Die Fähre geht ab Brest über Le Conquet und Île de Molène.Auskunft: Compagnie Maritime Penn Ar Bed, Port de Commerce, F-29607 Brest, Telephon: 0033/2/98 80 24 68.Flugverbindung ab Flughafen Brest: Finist'Air, Aéroport de Brest, F-29490 Guipavas, Telephon: 0033/2/98 84 64 87. Auskunft: Syndicat d'Initiative, F-29242 Île d'Ouessant, Telephon: 0033/2/98 48 85 83.