Schriftsteller Antonio Lobo AntunesSeite 5/5
Was JoÆo nicht weiß: Diese Transaktion ist eine Revanche - die kalt genossene Rache des Familien-Chefs in Estoril an JoÆos Vater. Erst hat er dem Minister Isabel, die Ehefrau, abspenstig gemacht, dann raubte er ihm auch noch sein Gut.
Was nur das Personal weiß, der Chor der Statisten in diesem Herrenleben: Der mächtige Minister war bloß eine Attrappe, eine gebrochene Figur, die den Despoten nur noch schwächlich markierte, ein hilflos trauernder, verlassener Liebhaber seiner untreuen Frau. In der vornehmen Rua Castilho hat er Milá ausgehalten, ein Mädchen aus einem Kurzwarenladen, nur weil er sich einredete, sie sehe der entschwundenen Isabel ähnlich.
Was für eine triste Liebesfarce: der verblendete sugar-daddy und der Trampel Milá, der sich in Isabels konservierte Kleider und Stöckelschuhe von einst quetscht, um dem Alten sein Sehnsuchtstheater vorzuspielen, die Wunschvorstellung von der Rückkehr der jungen, liebenden Isabel.
Als "Berichte" und "Kommentare" hat Lobo Antunes seine Materialien geordnet. "Das Handbuch der Inquisitoren" gibt sich das Gepräge einer inquisitorischen Befragung. Insgesamt achtzehn Zeugen melden sich zu Wort und geben ihre Sicht der Dinge zu Protokoll, ein buntgemischtes Personal: Haushälterin, Hausmeister und Chauffeur, der Tierarzt, den der Minister kommen ließ, damit er die Köchin von seiner Bastardtochter entbinde, diese Tochter selbst, deren angolanische Ziehmutter, die Mätresse Milá und deren Mutter, schließlich die engere Familie und am Ende deren Oberhaupt selber, der morsche Patriarch und triste Autokrat. Sie alle erheben die Stimme, beharren auf ihren Leitmotiven, vermischen in Zeitsprüngen assoziativ Vergangenheit und Gegenwart, monologisieren drauflos, verbergen sich, verraten sich, trauern, zetern, höhnen, flüstern, verstummen.
Was für ein Stimmengewirr! Was für eine symphonisch durchkomponierte Stimmenordnung! Lobo Antunes gibt jedem Sprecher seine eigene Stimmlage, seinen Tonfall, sein Milieu, seine Sichtweise, seine biographische Wahrheit. Nur bei William Faulkner finden sich polyphone Stimmengeflechte von vergleichbarer Raffinesse und formaler Kühnheit. Die Wortprotokolle der Zeugen klingen bei Lobo Antunes wie Beichtreden, wie Assoziationsmaterial von der Psychiater-Couch, wie Konfessionen vor einer Letzt-Instanz, die niemand anders ist als der Leser selbst. Denn der Leser ist es, der all diese Redeschwälle kanalisiert und all diese Bewußtseinsströme zusammenführt. Er ist der Großinquisitor, für den diese inquisitorischen Befragungen veranstaltet werden. Und natürlich wird ihm von Lobo Antunes an Aufmerksamkeit, Zuwendung und Geduld einiges abverlangt. Wie man es von einem Großinquisitor eben erwarten darf.
Nie werde er ein Bestsellerautor sein, sagt Lobo Antunes in
seinem Lissaboner Spitalzimmer. Das sei auch nicht sein Ehrgeiz.
"Ich bin bescheiden. Ich möchte die Kunst des Romans
verändern. Ich möchte eine neue, nie dagewesene Art
erfinden, die Dinge auszudrücken. Wenn man dieses Ziel nicht
anstrebte, hätte es keinen Sinn zu schreiben."
Und dann erzählt er von seinem Freund, dem italienischen
Autor Antonio Tabucchi. Den habe er gefragt, warum er seine Zeit
darauf verschwende, Lobo-Antunes-Romane ins Italienische zu
übersetzen, anstatt seine eigenen Bücher zu schreiben.
"Weil du mehr Talent hast als ich", habe Tabucchi geantwortet.
- Datum 10.01.2008 - 12:52 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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