Vorsicht Fälschung! Zu selten prangen solche Warnschilder auf nachgemachten Trend-Klamotten und Picasso-Plagiaten. Zu häufig geraten wir an das Falsche: täuschend echt gemachte Imitate aus Fernost, billige Rolex-Uhren, maschinengefertigte taiwanesische Räuchermännchen und Raubkopien aus China. Und das massenhaft.

Über 26 Prozent aller gekauften Markenartikel, das hat eine Studie an der Fake University in New York ergeben, sind nicht echt, sind billige Kopien. So kommen die Forscher zu dem Schluß, daß wir in einer großen Illusion leben. Am Ende ihrer Studie raten sie daher zur Vorsicht: "Don't trust the hype (dem Trend, dem großen Namen), don't trust anybody!"

Obgleich Europa noch als relativ unverfälscht gilt, haben doch auch hier die Fälscher ihre Hand im Spiel, überall. Und wie die hanebüchenen Hitler-Tagebücher und die bunten Pseudointerviews mit Prominenten zeigen, sind vor allem die Massenmedien beliebter Tatort. Unter dem Druck der Auflagenzahlen und Einschaltquoten, immer auf der Suche nach einer guten Story, kaufen sie alles, was sich halbwegs vernünftig anhört. Dabei gehen selbst seriöse Informationsanbieter manchmal in die Falle. So sind auch die vergleichsweise soliden Schweizer Fernsehmacher den künstlichen Filmwerken des Michael Born aufgesessen. Zu realistisch schienen die teppichknüpfenden Kinderhände und schwarzen Kultmessen ins Bild gesetzt.

Daß gerade die Medienwelt ein beliebtes Ziel socher Attacken ist, erklärt sich aus ihrer spezifischen Marktsituation. Ihr Geschäft ist der Handel mit Informationen. Wie gut die sind, läßt sich - anders als bei Uhren oder Kleidung - nur schwer objektiv feststellen. Vielmehr bestimmt sich ihre Güte nach Kriterien wie Vertrauenswürdigkeit, Verläßlichkeit, Brauchbarkeit oder Aktualität. Weiche Faktoren, die nicht leicht zu überprüfen sind.

Außerdem erlaubt die schiere Masse der Ware Information kaum mehr eine ordentliche Qualitätskontrolle. Medienmacher sind, wie die Konsumenten ihres Tuns, der Flut von Informationen und Desinformation ziemlich hilflos ausgeliefert. Der Markt für Gerüchte, Medienviren, Para-News, Hoaxes, Frauds and Pranks, kurz für gezielte Desinformation, blüht.

Dabei ist die gezielte Desinformation keineswegs ein Phänomen der Mediengesellschaft. Gerüchte hat es schon immer gegeben. Sie gelten als das älteste Massenmedium der Welt. Ein kultur- und zeitübergreifendes Phänomen. Für den Gerüchteforscher Jean-Noel Kapferer sind sie ein universales Machtmittel der Ohnmächtigen. Denn wer an einem Gerücht Anteil hat, sei es als Sender oder Empfänger, weiß etwas, das andere (noch) nicht wissen. Er wird damit zu einer Vertrauensperson, zum Insider. Und entscheidet selbst wieder darüber, wen er ins Vertrauen ziehen will oder kann.

Gerüchte als Instrumente der Macht. Sie wirken, paradoxerweise, als verläßliche Konstanten in Zeiten großer Unsicherheit. Erlauben den Blick hinter die Kulissen, verschaffen Mitwissen darüber, wie das System wirklich funktioniert. Das erklärt, warum der Markt für Gerüchte in der Informationsgesellschaft nicht kleiner wird, sondern wächst. Statt anonymer Informationsmengen erreichen uns auf dem Gerüchteweg gezielt dosierte Desinformationen von jemandem, den wir kennen und der sich auskennt ("Meine Schwägerin arbeitet bei ..." - "Ich kenne denjenigen, dem es passiert ist ...")!