Nach dem Jahrhunderthochwasssen: Die deutschen Geschädigten können mit einem großzügigen Ausgleich rechnen
In der Diele, gleich hinter der Eingangstür seines Einfamilienhauses, hat sich Reiner Vierling ein provisorisches Büro eingerichtet: ein Tisch mit ein paar Stühlen, ein Sofa, ein Telephon und überall Papierstapel. Hier sitzt der Ziltendorfer Bürgermeister oft bis spät in der Nacht und versucht, das Chaos zu ordnen. Seit das Oderhochwasser Ende Juli die Niederung überflutete, sieht sich der ehrenamtliche Dorfvorsteher, der als Elektriker im Eisenhüttenststädter Eko-Stahlwerk arbeitet, gefordert wie ein hauptamtlicher Bürgermeister.
Dabei hätte Vierling nie erwartet, daß es die Spendenflut nach der Oderflut sein würde, die ihm so viel Streß bereitet. Aus ganz Deutschland melden sich Delegationen von Kommunen und Unternehmen wie auch Privatpersonen bei ihm an, um Spendengeld zu überreichen. Und fast immer "soll ich den Leuten konkrete Betroffene nennen, mit denen sie dann bei der Geldübergabe photographiert werden wollen", sagt Vierling. Nicht zu reden von den vielen Anrufern, manchmal achtzig am Tag, die "wissen möchten, was aus ihren fünfzig Mark geworden ist".
Er freue sich gewiß über jede Spende, beteuert der Dorfvorsteher. Aber ihm wäre es viel lieber, die Verteilung der Gelder würde ihm beziehungsweise der Gemeinde überlassen - der Gerechtigkeit halber. Vor allem jene Spender, die sich gar nicht erst an ihn wenden, sondern gleich auf eigene Faust Hochwassergeschädigte suchen und mal eben 20000 Mark übern Zaun reichen, gefährden seiner Ansicht nach den sozialen Frieden.
Der Überblick über das Spendenaufkommen ist auf diese Weise längst verlorengegangen. Rund siebzig Organisationen und Initiativen - nicht gerechnet die vielen Direktspender - haben Sonderkonten eingerichtet. "Zur besseren Koordinierung" wollte das brandenburgische Innenministerium sie "mit ins Boot nehmen", wie es Minister Alwin Ziel ausdrückt. Doch nur ein Teil war dazu bereit. Ziel: "Wir können keinen Spender dazu zwingen."
So bleiben die Zahlenangaben zwangsläufig nur Näherungswerte. Laut Ziels Ministerium gingen insgesamt "weit über 100 Millionen Mark" für Polen, Tschechien und Brandenburg ein - mit 67 Millionen der größte Teil davon beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Caritas und Diakonisches Werk bringen es gemeinsam auf rund 23 Millionen Mark. Auf das Konto der brandenburgischen Landesregierung wurden knapp 17 Millionen eingezahlt. Und die Aktion Der Norden hilft des Norddeutschen Rundfunks (NDR) erbrachte annähernd 14 Millionen Mark.
Etwa 50 Millionen Mark sollen für Brandenburg verwendet werden, der Löwenanteil davon für den mit der Ziltendorfer Niederung am stärksten betroffenen Oder-Spree-Kreis. Angesichts eines Gesamtschadens von 520 Millionen Mark in Brandenburg mag dies angemessen erscheinen. Allein die Reparaturen der Straßen werden 170 Millionen kosten, die Instandsetzung der Deiche 119 Millionen.
Jedoch: Die Spenden dürfen nur "mildtätigen" privaten Zwecken und nicht etwa der Erneuerung der Infrastruktur zugute kommen. So sieht sich Brandenburg in der einzigartigen Situation, mehr Geld verteilen zu können, als an privaten Schäden entstanden ist: Den 50 Spendenmillionen stehen Gebäude- und Hausratsschäden von nur 41 Millionen Mark gegenüber. Wäre es da nicht angebracht, einen noch größeren Teil des Spendenaufkommens an die ungleich härter getroffenen Polen und Tschechen weiterzuleiten? So hart das Schicksal für jeden Hochwassergeschädigten auch sein mag - auf brandenburgischer Seite hat es, glücklicherweise, lediglich rund 500 Menschen ereilt (siehe Kasten).
- Datum 26.09.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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