Leoluca Orlando, der Bürgermeister von Palermo, will aus der sizilianischen Mafia-Metropole eine ganz normale Stadt machen
Die Renovierung des alten Zentrums ist das ehrgeizigste Projekt, der gewürgten Schönheit neues Leben einzuhauchen
Cu nasci tunnu 'un pó móriri quadratu.
Wer rund geboren wird, kann nicht quadratisch sterben.
Sizilianisches Sprichwort
Der direkte Blick aus warmen Augen, die tiefe Stimme, die blau eingebundene Bibel auf dem kleinen Schreibtisch vor sich - in diesem Mann steckt ein Missionar. Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, Rechtsprofessor, Mafiabekämpfer und Europaabgeordneter, hat Großes zu verkünden: sein Projekt Palermo, Citt… Normale. Palermo soll eine ganz normale Stadt werden. Eine Stadt, die funktioniert. Wie Freiburg, wie Florenz. Der Mann meint das ernst.
Sanft, schmal und schnurgerade steigt der Kassaro vom Hafenbecken bergan. Palermos Hauptstraße, vor dreitausend Jahren von den Phöniziern angelegt. An ihr siedelten griechische Händler, und über sie marschierten römische Legionen. Araber hinterließen ihr den Namen und Normannen die Kathedrale und den Königspalast, in denen alle Welten des Mittelalters verschmolzen: Arabien, Byzanz und Europa. Auch in den spanischen Jahrhunderten blieb Palermo reich, und reich waren auch die sizilianischen Adeligen, die ihre Paläste errichteten am Kassaro, der heute Corso Vittorio Emanuele heißt.
In Schwärmen knattern Vespas vorbei an den welken barocken Riesen mit ihren grazilen Balkons aus Schmiedeeisen. Busse dieseln den engen Kassaro hinunter, und an den Quattro Canti, der barocken Straßenkreuzung mit der Via Maqueda, haben die vier Statuen an den Ecken ihr Gesicht dem Fortschritt aus Auspuffrohren opfern müssen. Schmal und winkelig wirren sich die Gassen der Altstadt durchs steinerne Häusermeer. Wäsche hängt über den nur wenige Meter breiten Fluchten zum Trocknen, mal ergießt sich Gezänk zwischen Mutter und Tochter durch offene Fenster auf das Specksteinpflaster, mal schallt billige Technomusik die schattigen Mauern entlang. Junge Straßenhändler schieben schwarzlackierte Karren vor sich her. Musikkassetten drauf, Lautsprecher dran und Lärmwolke davor.
- Datum 26.09.1997 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





