Eigentlich wollte ich hier etwas über Herrn Kanther schreiben, den Innenminister. Da gibt es nämlich die hübsche Geschichte, wie er einmal, vor vielen, vielen Jahren, mit Karl Carstens durch die Rhön gewandert ist: Seine Schuhe sind ihm zu eng geworden dabei, doch er hat die Zähne zusammengebissen und ist weitergestapft, immer weiter, auch als die Füße längst schmerzten und zu bluten begannen.

Diese Geschichte bringt mich auf einen Satz von Chruschtschow, dem unvergessenen Khan des untergegangenen Sowjetreiches, über Andrej Gromyko, seinen Außenminister: "Wenn ich ihm befehle, die Hosen herunterzulassen und sich auf einen Eisblock zu setzen, dann läßt er seine Hosen herunter und setzt sich auf einen Eisblock."

Nicht daß ich das vergleichen möchte. Aber das eine erinnert mich merkwürdigerweise an das andere. Ob Manfred Kanther und Andrej Gromyko sich jemals begegnet sind?

Eigentlich also wollte ich hier etwas über Herrn Kanther schreiben, den Innenminister. Aber dann stieß ich in einer Zeitung auf eine Bemerkung, die mir das verbietet. "Ich habe", so zitiert ein Blatt der Hauptstadt Worte des Ministers Kanther vor dem Wirtschaftsrat der CDU Berlin-Brandenburg, "Ich habe zehn Jahre für die Einführung des Privatfunks gekämpft. Ich habe mir nicht vorgestellt, daß so ein erbärmlicher Schund über die Kanäle geht. Es muß möglich sein, wenigstens sozialschädliche Programme zu streichen." Diese Sätze, dieser Offenbarungseid, dieses flotte Eingeständnis eigener Dummheit resp. Ahnungslosigkeit in brusttiefem Bekenntniston, machen mich sprachlos und zwingen die Frage auf: Lohnt es sich, über Herrn Kanther, den Innenminister, auch nur noch eine Zeile zu schreiben? Nein. Möge er bald vergessen sein.

Lieber schreibe ich hier über Ishikawa Takuboku, den japanischen Dichter. Ishikawa ist der Familienname, Takuboku sein Vorname, aber einer, den er sich selbst gegeben hat, und er bedeutet, so habe ich gelernt, der Specht. Ishikawa Takuboku hat von 1886 bis 1912 gelebt, ein kurzes Leben. Er war arm, hat sich als Hilfslehrer, Journalist, Zeitungskorrektor und so weiter durchgeschlagen. Die Familie, der er entstammte, und die Familie, die er gründete - alles zerbrach; ihn selbst zerstörte die Tuberkulose. Aber er ist, wenn ich das aus Wolfgang Schamonis Nachwort zu einer deutschen Ishikawa-Auswahl ("Trauriges Spielzeug"; Insel Verlag; 180 Seiten, 39,80 DM) weitergeben darf, "er ist der wohl populärste Lyriker des modernen Japan. Gedichte Takubokus sind fester Bestandteil der Schulbücher, ganz Japan ist übersät mit Denkmälern für diesen Dichter, und es ist schwer, einen Japaner zu finden, der kein einziges von Takubokus Kurzgedichten aufsagen kann." Er sei, heißt es weiter, einer der großen Erneuerer der japanischen Literatur gewesen, auch ein politischer Feuerkopf und, bodenloser Melancholie verfallen, allem Sozialistischem zugetan.

Ich blätterte in diesem Buch und las mich fest im Nu. Ich entdeckte ein wundervolles Gedicht, das beste von all den vielen neuen Gedichten, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Der Platz wird noch reichen, denke ich, um es zu zitieren, der Platz, der niemand anderem gehören darf als Ishikawa Takuboku und diesem Gedicht:

Beim Öffnen eines alten Koffers