ZEIT-Serie "Stimmt's": Der Mensch nutzt nur zehn Prozent seiner Gehirnkapazität

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Stimmt nicht. Vor allem in esoterischen Kreisen wird diese angebliche Tatsache gern bemüht - meist verbunden mit der Aufforderung, die brachliegenden neun Zehntel des Hirns endlich in einem teuren Kursprogramm zu aktivieren. So wirbt zum Beispiel die Scientology-Sekte mit dem Portrait von Albert Einstein, dem die Aussage zugeschrieben wird.

Eine andere angebliche Quelle dieser Weisheit ist der amerikanische Psychologe und Philosoph William James. Die Anthropologin Margaret Mead gar soll der Meinung gewesen sein, wir benutzten lediglich sechs Prozent unseres Denkvermögens.

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Beginnen wir also mit Einstein: Hat er's nun gesagt oder nicht? Alice Calaprice von der Princeton-Universität in New Jersey, die Herausgeberin der Zitatensammlung "Einstein sagt", ist schon öfter danach gefragt worden. "Ich persönlich bezweifle, daß er das gesagt hat", erklärt Frau Calaprice, "denn bestimmt hätte jemand widersprochen, und es hätte eine Diskussion gegeben. Aber natürlich wurde auch nicht jedes Wort, das je aus seinem Munde kam, aufgeschrieben." Auch die anderen Quellen sind nicht zweifelsfrei nachweisbar.

Aber selbst wenn Einstein diesen Ausspruch getan hätte: Was könnte er gemeint haben? Sollte die Aussage: "Nur zehn Prozent des Gehirns werden genutzt" wirklich als quantitative Aussage gemeint sein, dann bieten sich mehrere Interpretationen an.

Erstens: Zu jedem gegebenen Zeitpunkt ist nur jede zehnte Gehirnzelle aktiv. Da kann man nur sagen: Gut, daß es nicht alle sind, denn das wäre gleichbedeutend mit einem epileptischen Anfall. Zweitens: Neunzig Prozent der Hirnzellen liegen nutzlos im Schädel herum und haben keine Funktion. Auch das ist Unsinn. Soweit die Wissenschaft es beurteilen kann, sind alle gesunden Zellen in irgendeiner Weise an den Prozessen im Gehirn beteiligt. Ein Indiz dafür ist, daß beim Ausfall einer Hirnfunktion, beim Verlust eines Auges zum Beispiel, die zuständigen Neuronen zugrunde gehen.

Eine dritte Interpretation: Wir nutzen nur einen Bruchteil unseres Erinnerungsvermögens, könnten uns also eigentlich viel mehr Dinge merken. Aber das Gehirn hat keine "Speicherzellen" wie ein Computer. Erinnerungen sind Muster, an denen viele Zellen beteiligt sind, und die Zahl dieser Muster ist unbegrenzt. Niemand weiß, wieviel Information man dem Gedächtnis maximal eintrichtern kann.

Überhaupt ist die Vorstellung irrig, mehr Hirnaktivität sei gleichbedeutend mit "besserem" Denken. Detlef Linke, Hirnforscher an der Universität Bonn, weist darauf hin, daß unsere intellektuelle Leistung oft darin besteht, viele Einzelerfahrungen in einem "Superzeichen" zusammenzufassen - Abstraktion macht das Denken ökonomischer.

Linke schätzt, daß die Hälfte aller Hirnfunktionen inhibitorisch sind, daß sie also die Aktivität der grauen Zellen verringern und nicht verstärken.

Mehr "Flackern" im Schädel bedeutet also nicht, daß wir es mit einem klügeren Kopf zu tun haben. Bleibt noch die Erklärung, daß Einstein, wenn er es denn gesagt hat, die Sache metaphorisch gemeint hat: Wir alle würden gut daran tun, unseren Grips ein wenig mehr einzusetzen.

Wer wollte ihm da widersprechen?

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