Tausend Tage bei der Nationalen Volksarmee - das kann kein Zuckerschlecken sein. Die Marmelade ist verschimmelt, die Wurst angegammelt, Ratten laufen vor der Kaserne durch den geharkten Sand. Von morgens bis abends Kniebeugen, "Rührt euch", "Stillgestanden", Laufschritt, Sturmgepäck, Stubenkontrolle, Drill und Schikane. Alles ganz gräßlich, aber ein prima Erzählstoff, im wirklichen wie im literarischen Leben.

"Nehmen Sie die Hände vom Sack. Wichsen können Sie später!" brüllt der Leutnant, um des Soldaten Gefühlsregung schon im Keim zu ersticken. Jede Privatheit wird einem hier ausgetrieben. Und im Politunterricht Parolen über Parolen, man kann sie sich denken. Da muß einer doch die Krise kriegen.

Kriegt er nicht. Zumindest nicht der Held dieses Romans. Dem achtzehnjährigen Kian bietet das Militär einen Ausweg aus der Krise, die einen anderen Namen hat als NVA: Familie. Endgültig leid war er die gehäkelten Tischdeckchen, Vaters Pantoffeln im Flur, erst recht dessen Gebrüll. Im Traum hatte er seinem Vater schon den Kopf abgeschnitten, seiner Mutter die Finger, sich selbst den Penis. Warum der junge Mann allerdings auch noch von Hitler träumt, bleibt das psychoanalytische Geheimnis des Autors. Wäre noch Kathrin, die Miederwarenverkäuferin. Sie backt zwar den besten Kuchen, das erhoffte andere Leben indes bietet sie dem Helden nicht. Außer Küßchen auf die Wange und einem läppischen Petting auf dem Wohnzimmersofa ist nichts drin.

"Er wollte etwas erreichen, was niemand außer ihm erreichen konnte. Er wollte verblüffen, aber er wußte noch nicht, womit." Freiwillig und für drei Jahre geht Kian zur Nationalen Volksarmee und macht dort Karriere. Keine Opfergeschichte also, kein Dokument permanenter Unterdrückung wie Jürgen Fuchs' autobiographischer Roman aus dem DDR-Soldatenmilieu, "Fassonschnitt" (1984) Brumme bürstet die Erwartungen des Lesers gegen den Strich. Kian wird erst Unteroffizier, dann Sekretär, schließlich bietet ihm - wegen guter Führung - der Geheimdienst einen Job an. Der Pakt mit dem Teufel wird in letzter Minute eher zufällig vereitelt. Das Happy-End findet eine andere teuflische Pointe.

Christoph D. Brummes detailfreudige, sehr atmosphärische, bisweilen etwas kabarettistische Innenschau einer NVA-Kaserne der achtziger Jahre hätte zu großen Teilen auch in einer Bundeswehrkaserne entstehen können. An Politik ist der Autor genauso wenig interessiert wie seine Hauptfigur. Der Erzähler erwähnt zwar die Gewerkschaftsstreiks 1980 in Polen, doch für das Buch spielen die Ereignisse, welche auch die NVA in Alarmbereitschaft versetzten, keine besondere Rolle. Nach Jens Sparschuh ("Der Zimmerspringbrunnen") und Thomas Brussig ("Helden wie wir") ist Christoph D. Brumme (Jahrgang 1962) ein weiterer jener jüngeren Autoren mit DDR-Biographie, die in ihren Texten zweierlei vermeiden wollen: Bierernst und Larmoyanz.

Allerdings: Brummes schnittiger Roman schlägt eine Kapriole nach der anderen von dem Moment an, da seine Briefgeliebte Kian abblitzen läßt. Sie interpretiert - tragisch für ihn - mehr in seine Kontakte zum Geheimdienst hinein, als tatsächlich dahintersteckt. Um den wahren Grund seiner Trauer vor den Kameraden zu verbergen, versteigt er sich in eine aberwitzige Lüge. Seine Freundin sei an Krebs erkrankt, deshalb bekomme er keine Liebesbriefe mehr von ihr. Mit dieser Lüge - auch aus Sicht des Autors eher ein erzählerischer Noteinfall - setzt sich der Erzähler unter Druck und treibt seine Geschichte in die Schnurre.

Christoph D. Brumme ist nicht nur Opfer der Versuchung geworden, vor trostloser Kulisse eine auf Teufelkommraus abwechslungsreiche Geschichte zu bieten, sondern auch Opfer seiner Erzählkonstruktion. Einerseits wollte er aus der Perspektive seines Simplizissimus schreiben, andererseits - der Roman ist nicht in der Ich-Form gehalten - hat er noch eine Erzählerfigur vorgeschaltet, die die Irrungen und Wirrungen des Glücksritters unglücklich kommentiert.