Schmieren und abbrennen
Korrupte Behörden sind den indonesischen Holzindustriellen zu Diensten. Brandstifter werden nicht verfolgt
Keuchende Gestalten, die ihre Nase mit dem Taschentuch bedecken und durch dicken grauen Smog eilen?Nichts davon.Statt dessen wölbt sich graublau der Himmel über Jakarta.Von den riesigen Feuern, dem "planetarischen Desaster", wie es die Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) nannte, ist hier nichts zu spüren. "Natürlich sehen wir die Bilder im Fernsehen", heißt es in der indonesischen Hauptstadt, "aber ehrlich gesagt, für viele Leute ist das weit weg."Das Inselreich erstreckt sich von West nach Ost über fünftausend Kilometer, vergleichbar der Entfernung von Irland bis zum Kaukasus.Jeden Sommer brennen irgendwo in dieser Weite die Wälder. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Die Regenfälle sind wegen des El-Niño-Effektes ausgeblieben, die Brände längst außer Kontrolle geraten. Tiefer und tiefer fressen sich die Flammen in die tropischen Wälder, Plantagen und Torfmoore von Kalimantan (Borneo) und Sumatra, stetig treibt der Wind die Rauchwolken über Südostasien. Giftiger Smog verleidet Millionen Menschen - auch in Malaysia, Singapur, Brunei, auf den Philippinen und in Südthailand - das Luftholen viele droht er umzubringen.Mindestens zwei Menschen starben bereits an Atemnot, mehrere liegen im Koma.In der Straße von Malakka kollidierten mehrfach Schiffe, eines sank minutenschnell und zog 28 Menschen in den Tod.Ein normaler Unfall in der dichtbefahrenen Wasserstraße?Oder die Folge der von Rauchfahnen getrübten Sicht? Wochenlang hat die indonesische Regierung die Brände ignoriert.Das war in Jakarta, wo die Regierung keine Opposition zuläßt, nicht schwer, auch wenn die Zeitungen sich bemühten, die Politiker wachzurütteln.Erst als der Druck aus den Nachbarländern wuchs, entschuldigte sich Präsident Suharto. Malaysias Premierminister Mahathir Mohammed mußte zusehen, wie die ohnehin von Währungs- und Exportkrise geplagte Wirtschaft seines Landes weitere Schläge erhielt.Tag für Tag erreichten ihn neue Hiobsbotschaften: In der ostmalaysischen Provinz Sarawak kletterte der Smog auf Rekordwerte, in der Stadt Kuching schnellte er sogar auf 839 Punkte auf der Meßskala.Über 500 Punkte gelten als extrem gefährdend. Das Wirtschaftsleben ist erlahmt: Flugzeuge bleiben am Boden, Schiffe im Hafen Fabriken stehen still, Touristen reisen ab.Computer-Zulieferer, wichtige Stützen der malaysischen Wirtschaft, fürchten, daß der Smog durch die Klimaanlagen in ihre Werkstätten dringt und empfindliche elektronische Bauteile beschädigt.Noch ist der Schaden nicht zu beziffern, aber es werden Verluste in Milliardenhöhe sein. Sogar um die Commonwealth-Spiele muß Mahathir bangen.Malaysia hat viele Millionen Dollar investiert, um die prestigeträchtige Sportveranstaltung im kommenden Sommer auszurichten.Doch wenn die indonesische Regierung nicht verhindern kann, daß sich das Smog-Desaster wiederholt, werden die Sportler kaum kommen. Wochenlang brannten schon die Wälder, als Präsident Suharto schließlich ankündigte, er werde die Brandstifter schärfer verfolgen.Seine Regierung gab inzwischen kleinlaut zu, was die Satellitenbilder ohnehin zeigen und Umweltgruppen schon seit langem wissen: Nicht achtlos dahingeworfene Zigaretten oder unbelehrbare Bergbewohner sind Schuld an der Katastrophe, sondern die großen Holz-, Kautschuk- und Palmölunternehmen."Die Plantagenbetriebe fackeln gleich tausend Hektar auf einmal ab", sagt Emmy H afield, Leiterin des indonesischen Umweltforums Walhi. In Indonesien brennen mittlerweile mindestens 500 000 Hektar Wald und Buschwerk. 176 Unternehmen hat die Regierung dafür verantwortlich gemacht. Mindestens vierzehn der Unternehmen legten noch Feuer, als die katastrophalen Folgen längst bekannt waren und die Behörden das Verbot erneut bekräftigt hatten.In der großen Trockenheit fraßen sich die Flammen bis zu den besonders gefährdeten Torfböden vor.An einigen Stellen glimmen Torf und Braunkohle bereits bis in große Tiefen.Sie werden noch jahrelang weiterkokeln und sich immer wieder neu entzünden, prophezeien Fachleute. A.F.S.Budiman, Kopf der indonesischen Kautschukvereinigung, macht keinen Hehl daraus, daß sich niemand um Verbote schert."Wer erfährt schon davon?" sagt Budiman.Indonesien ist eines der korruptesten Länder Asiens.Abbrennen und ein bißchen schmieren - so hat das immer funktioniert.Förster und Polizisten sind, wie alle Staatsangestellten, notorisch unterbezahlt. Es mangele nicht an Gesetzen und Verordnungen, um den Brandstiftern das Handwerk zu legen, beteuert Umweltminister Sarwono Kusumaatmad: "Das Problem ist, daß wir diese Gesetze nicht anwenden." Das dichte Dach des tropischen Regenwaldes, unter dem sich die Feuchtigkeit halten kann und das deshalb einen natürlichen Schutz gegen die Brände bietet, ist längst aufgerissen.Die Regierung hat 64 Millionen Hektar Wald für die kommerzielle Nutzung freigegeben, 570 Konzessionen verkauft.Ein großer Teil der lukrativen Abholzungslizenzen landete in den Händen von zehn großen Konzernen. Plantagenbetriebe übernehmen zumeist Flächen, auf denen bereits die wertvollen Edelhölzer abgeschlagen wurden.Sie brennen zunächst Baumreste und Unterholz ab, um dann Teaksetzlinge, schnellwachsenden Eukalyptus und Akazien, Kautschukbäume oder Ölpalmen zu pflanzen.Keine andere Methode funktioniert so einfach und scheint so billig zu sein wie die Brandrodung.Da ist es böse Ironie, daß die wilden Feuer auf Sumatra und Borneo jetzt auch immer mehr Plantagen vernichten.Rund 80 000 Hektar stehen in Flammen, wegen der zu erwartenden Ernteausfälle stieg Ende vergangener Woche bereits der Palmölpreis. Mit allen Mitteln hat die Regierung in den vergangenen Jahren den Ausbau der Holz-, Papier-, und Palmölindustrien gefördert: So stieg Indonesien 1996 zum größten Sperrholzexporteur der Welt auf, war nach Malaysia zweitgrößter Exporteur von Palmölprodukten. Immer intensiver sollen die Wälder genutzt werden.Noch in diesem November wird nach einem Bericht der Far Eastern Economic Review in Indonesien die erste Fabrik der Welt eröffnet, in der Roboter Millionen geklonter Teak- und Eukalyptussetzlinge produzieren.Sie reifen doppelt so schnell wie üblich, versprechen die Hersteller.Schon nach fünfzehn bis zwanzig Jahren sollen geklonte Teakbäume ausgewachsen sein.Das indonesisch-australische Joint-venture PT Monfori Nusantra sieht dafür beste Marktchancen: 250 000 Hektar Wald jährlich müssen neu bepflanzt werden. Als die Behörden die Liste der 176 Brandfrevler veröffentlichte, gab sie allerdings nicht bekannt, wem diese Firmen gehören.Was die Zeitungen in Jakarta unter den strengen Augen der Zensoren verschwiegen, pfiffen die Spatzen von den Dächern: Viele Unternehmen mit besten Beziehungen zur Regierung stehen auf der Liste. Die beiden Tycoons Liem Sioe Liong und Bob Hasan zum Beispiel zählen seit Jahrzehnten zu den engsten Geschäftspartnern und Freunden des Präsidenten. Liem konnte seine Salim-Gruppe, unter anderem im Palmölgeschäft tätig, dank enorm lukrativer Monopollizenzen zum größten Privatkonzern in Indonesien ausbauen. Bob Hasan, wichtigster Holzunternehmer des Landes und ständiger Golfpartner Suhartos, ist "mächtiger als jeder Minister", wie es in Jakarta heißt.Er berät nicht nur die Regierung, sondern auch die Suharto-Unternehmen. Ironischerweise stehen auf der schwarzen Liste der Brandstifter auch Staatsbetriebe und Firmen der Armee.Neben japanischen und australischen Unternehmen zündelten 45 malaysische Plantagenbetreiber.Als einige von ihnen jetzt erklärten, sie wollten sich an einem 1-Million-Dollar-Katastrophenfonds beteiligen, ließen die Behörden in Kuala Lumpur eilig wissen, dies sei beileibe "kein Eingeständnis der Schuld".Sie "tun das nur aus humanitären Gründen", beteuerte Informationsminister Mohammed Rahat. "Die Brandstifter sind Verbrecher, sie gehören ins Gefängnis", sagt Emmy Hafield vom Umweltforum.Ihre Organisation will die beteiligten Firmen vor Gericht bringen.Allerdings ist bislang kaum jemand bestraft worden.Wer wird es wagen, gegen die mächtigen Unternehmen vorzugehen? Die indonesischen Behörden haben vorsichtshalber begonnen, sich von jeder Verantwortung reinzuwaschen: "Wir haben das Problem nicht zu spät erkannt", behauptet Azwar Anas, Leiter des nationalen Katastrophenstabes."Das ist eine Naturkatastrophe.Niemand hätte sie verhindern können." Das sehen viele Politiker und Beamte zwischen Manila, Bangkok und Kuala Lumpur ganz anders.Der Zorn über ihre Ohnmacht wächst täglich.Sie alle gehören zur südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean, deren Gründer sich ein hübsches Prinzip erdacht haben: Öffentliche Kritik der Mitglieder untereinander ist tabu.So wurde nur gerüchteweise bekannt, daß Malaysias Premier Mahathir "einen Brief an Suharto" geschrieben habe.Nicht mehr als eine Handvoll malaysischer Oppositionspolitiker protestierte offen gegen die Untätigkeit der indonesischen Behörden. Nie haben die Asean-Mitglieder so deutlich erlebt, welche Fesseln das geheiligte Prinzip der gegenseitigen Nichteinmischung ihnen anlegt. "Wochenlang haben wir die Brände und den Smog wachsen sehen - und hielten den Mund", sagt der Botschafter eines Asean-Landes erbittert."Wir durften erst unsere Hilfe anbieten, nachdem Jakarta geruhte, uns zu informieren." Ob die Katastrophe die Politiker der Region aus ihrer diplomatischen Erstarrung ruft und sie gleichzeitig dazu zwingt, ernsthaft über ihre eigene Umweltpolitik nachzudenken, wird sich erst zeigen, wenn der Monsun die Brände dieses Jahres gelöscht hat.Noch läßt der Regen auf sich warten.Wenn er kommt, wird er die giftigen Smogteilchen aus der Luft auf die Felder tragen und die verbrannte Erde in die Flüsse und ins Meer waschen.Ein neues Desaster kündigt sich an.
- Datum 02.10.1997 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 41/1997
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