Was bleibet aber, stiften die Tischler

Ein Fund in Lindau erinnert an Hölderlins letzte Lebensjahre von Gregor Wittkop

Empfindliche Gegenstände wird man ihm nicht überlassen haben, dem Mann, der "in Kost und Aufsicht" bei der Schreinerfamilie Zimmer in Tübingen lebte, entmündigt: Friedrich Hölderlin sein bürgerlicher Name, den er aber nicht mehr wahrhaben wollte er heiße vielmehr Scardanelli oder Scaliger Rosa "oder so was". Doch ordentliche, solid gearbeitete Stücke werden es gewesen sein solche, die es vertragen konnten, wenn sie im Laufe von Tobsuchtsanfällen einmal herumgestoßen wurden. Stücke wie dieser kleine Tisch aus den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts etwa, den ein befragter Experte nicht gerade bewundernd "evangelisch" nennt. Mit der nußbaumfurnierten Zarge, den gedrechselten Beinen und den gekreuzten Stegen unten schon veraltet, als Hölderlin 1807 ins Haus kam veraltet und repariert, denn die ursprüngliche Platte ist durch eine grobe eichene ersetzt worden, vielleicht von Schreiner Zimmer selbst. Ein Gebrauchsgegenstand eben.

Ob "Die Sagen, die der Erde sich entfernen, / Vom Geiste, der gewesen und wiederkehret", ob diese Verse und andere auf der Eichenplatte entworfen worden sind, wer weiß? Davon redet der Tisch nicht, er bezeugt aber etwas anderes. "Um 7 1/4 Uhr erzählte mir Jungfer Loddle, ,daß ich ja den Tisch vor meinem Sopha solle in Ehren halten da habe der Dichter Hölderlin mit d. Hand geschlagen, wenn er Streit gehabt - mit seinen Gedanken! Sei gest. 1843 und habe in ihrem Hause gewohnt. Und wenn sie fortziehen müsse - sie nähme den Tisch mit!'", so notiert es ein Student, der Hölderlins altes Quartier mit den fünf Fenstern zum Fluß und zur Alb bewohnt, 1859 in sein Tagebuch.

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Jungfer Loddle: das ist Lotte Zimmer, die Tochter des Schreinerehepaars, die neben dem schutzbedürftigen Schriftsteller aufgewachsen ist und ihn zwischen 1838 und 1843 alleinverantwortlich betreute. "Heilige Jungfrau" soll er sie genannt haben, aber wie klang das aus seinem Mund? Neckisch? Zärtlich? Oder gesprochen mit dem esprit de finesse der Verrückten? Wer weiß?

Jedenfalls hat sie, die Freundliche, seinen Tisch bewahrt, als Relikt aus den "Zeiten (...), da ich die Pflegerin des unglücklichen Dichters sein durfte".

Während der Recherche für eine kleine Dokumentation, die Lotte Zimmers Alltag mit Hölderlin gilt, ist er nun wieder aufgetaucht: bei einem Nachkommen der Zimmers, dem Internisten Dietrich Wurm in Lindau. Die Geschichte des Möbelstücks läßt sich mit Hilfe von Archivmaterial und Familienpapieren lückenlos verfolgen - dies ist der Tisch, auf den "der Dichter Hölderlin mit d. Hand geschlagen, wenn er Streit gehabt - mit seinen Gedanken!" Das einzige Möbelstück, das uns aus seinem Leben geblieben ist. Ein solider Gebrauchsgegenstand für die Entwicklung von Versen und widerständigen Gedanken. Und ein Zeuge für das Andenken Lotte Zimmers.

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