Frederico benutzt gern Ausdrücke, die er bei seinem Besuch in Deutschland aufgeschnappt hat und die er kurios findet. "Das hier ist für mich der Gartenzaun zwischen dem tropischen Brasilien der Küste und dem Sertao, dem Land der Hinterwäldler", sagt er und betont das Wort "Gartenzaun". Unser Freund zeigt auf den blumenbepflanzten Marktplatz von Jorro, einem Nest, rund drei Autostunden landeinwärts von Fredericos Heimat, der Hafenstadt Salvador da Bahia, entfernt.

Das Unternehmen Petrobras hatte einst in Jorro nach Öl gebohrt, doch nur heißes Wasser sprudelte aus dem Boden. Heute steht bei weit über dreißig Grad im Schatten allsonntäglich jung und alt in Badehose und Bikini unter den zwei Dutzend öffentlichen Duschen und nimmt ein heißes Kollektivbad. Fast verächtlich meint Frederico: "So würde sich ein Sertaoneijo nie öffentlich produzieren."

Frederico verehrt die Sertaoneijos und deren Heimat: den auch in Literatur, Film und Musik so oft heroisch verklärten Sertao, das knochentrockene und bitterarme Hinterland Nordostbrasiliens. Frederico liebt die mystischen Geschichten, Episoden und Legenden der Region. Etwa die vom Räuberhauptmann Lampia, der die ganze Gegend bis in die dreißiger Jahre in Angst und Schrecken versetzte. Oder vom Lebensweg des Wunderheilers Padre Cicero, dessen Heiligsprechung nicht wenige in Brasilien bis heute fordern. Frederico ergeht sich mit der Fabulierfreude der Bahianos in all diesen Erzählungen, aber am allerwichtigsten ist ihm die Geschichte des Krieges um Canudos. "In Monte Santo werdet ihr schon sehen", verspricht er.

Doch Monte Santo ist noch weit, zunächst liegt Euclides da Cunha vor uns. Cumbé hieß der Ort einst, bevor er zu Ehren des Militäringenieurs und Schriftstellers Euclides da Cunha umbenannt wurde. Vor 92 Jahren veröffentlichte er den Roman "Os Sertäes". Das Buch handelt vom am 5. Oktober 1897 beendeten, ein Jahr dauernden Bürgerkrieg um die Stadt Canudos. Geschrieben in dem schwierigen, längst ungebräuchlichen Akademiker-Portugiesisch des vergangenen Jahrhunderts, gilt "Os Sertäes" als Nationalepos des größten Landes Lateinamerikas. Es sei bis heute das "am wenigsten gelesene, aber meistdiskutierte Buch Brasiliens", meint der Schriftsteller Jorge Amado.

Auch Frederico hat auf unsere Reise eine abgegriffene, wohl hundertmal gelesene, vom Vater geerbte Ausgabe mitgenommen. Er hütet sie wie einen Schatz, denn für ihn ist "die Geschichte von Canudos, von diesem irren Krieg an diesem Ende der Welt, Brasiliens größtes Verbrechen".

Ein großes Mosaik auf der kleinen Praça von Euclides da Cunha erregt die Aufmerksamkeit unseres Begleiters. "Genauso sah Antonio Conselheiro aus", ruft er und deutet auf die zentrale Gestalt des Bildes. Es zeigt einen hageren Mann mit wallendem Bart, gewandet in die lange Tunika des Büßers, den Wanderstab in der Hand.