Fast jedes zehnte Kind leidet unter Neurodermitis. Eine neue Salbe könnte das umstrittene Cortison ersetzen
Im Alter von zwei Jahren wäre das Kind am liebsten aus der Haut gefahren. "Meine Tochter kratzte sich den ganzen Körper wund. Die Bettlaken waren ganz blutverschmiert", sagt Mechthild Hellermann aus Schwelm in Nordrhein-Westfalen. Das war vor zwölf Jahren. Längst sind die Symptome der rätselhaften Krankheit verschwunden: Neurodermitis, die manche Kinderärzte inzwischen als Volksleiden bezeichnen.
Auch wenn etwa sechzig Prozent der Kinder die Hautkrankheit überwinden, verdoppelt sich hierzulande die Zahl der Neurodermitiker alle zehn Jahre. Zur Zeit leidet etwa jedes zehnte Kind an dem damit verbundenen, oft unerträglichen Juckreiz. Viele werden ihn auch später nicht mehr los. Vermutlich haben 500 000 Erwachsene Neurodermitis. Das wirkungsvollste Mittel bei den in Schüben auftretenden Attacken sind bislang Cortison-Salben.
Jetzt ist eine internationale Forschergruppe um den Düsseldorfer Hautarzt Thomas Ruzicka einen großen Schritt weitergekommen. Die Mediziner haben zum ersten Mal gezeigt, daß eine neue Salbe ebenso gut wirkt wie Cortison, aber deutlich weniger Nebenwirkungen hat (New England Journal of Medicine, Bd. 337, S. 816). Tacrolimus (oder auch FK 506) heißt der vielversprechende Wirkstoff, der aus einem japanischen Bodenpilz stammt.
Neurodermitis gehört zu den atopischen (griechisch für seltsam-ungewöhnlich) Krankheiten wie auch Asthma oder Heuschnupfen. Deshalb nennen Mediziner das Hautleiden atopisches Ekzem. Die Patienten reagieren überempfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel, Pollen oder auch Tierschuppen. Dadurch richtet sich ihr Immunsystem gegen den eigenen Körper, die Haut entzündet sich. Tacrolimus und Cortison blockieren diese überschießende Immunreaktion. Cortison aber hemmt gleichzeitig das Wachstum der Haut, sie wird dünn und verletzlich. Wegen dieser Nebenwirkung dürfen die Salben nur zur kurzen Behandlung bei akuten Juckanfällen eingesetzt werden und möglichst nicht im Gesicht.
Tacrolimus indes unterdrückt die Immunreaktion, ohne die Haut sehr in Mitleidenschaft zu ziehen, so lautet das Ergebnis der Studie. "Bei den meisten Patienten ging die Neurodermitis innerhalb von drei Wochen deutlich zurück oder verschwand völlig", sagt Thomas Ruzicka, Leiter der Hautklinik der Universität Düsseldorf. Insgesamt testeten er und seine Mitarbeiter 215 Patienten im Alter von dreizehn bis sechzig Jahren. Drei Viertel erhielten Tacrolimus-Salbe. Die Ärzte beobachteten die Haut, die Patienten beurteilten ihr Befinden. Im Durchschnitt besserte sich ihr Zustand um 75 Prozent. Bei der Kontrollgruppe, die Placebo-Salbe erhielt, besserte sich der Zustand dagegen nur um 22 Prozent. Die einzige Nebenwirkung war "ein brennendes Gefühl, das meist nur am Anfang der Therapie auftrat, wenn die Haut noch sehr empfindlich war", sagt Ruzicka.
Tacrolimus unterdrückt das Immunsystem. Aus diesem Grund wird der Wirkstoff seit einem Jahr bei Lebertransplantationen eingesetzt, um die Abstoßungsreaktion zu mindern. "Doch in zwei bis drei Jahren könnte Tacrolimus auch als Salbe gegen Neurodermitis zugelassen sein", hofft der Düsseldorfer Hautarzt. Bis dahin müssen noch mögliche Nebenwirkungen bei Gaben über einen längeren Zeitraum geprüft werden. Und es muß geklärt sein, ob auch Kinder das Mittel vertragen. Beides wird derzeit untersucht.
Alexander Kapp, Direktor der Hautklinik der medizinischen Hochschule Hannover (MHH), nennt einen weiteren Vorteil der neuartigen Substanz gegenüber dem Cortison, die "selbstreduzierende Resorption": Durch die Salbe erholt sich die Haut und wird undurchlässiger für Tacrolimus. Sie nimmt schließlich nur noch so viel Wirkstoff auf, wie sie braucht - das Immunsystem wird nicht mehr unterdrückt als nötig. Zwar hält Kapp Tacrolimus für ein ideales Mittel gegen akute Neurodermitis-Schübe und kann die Zulassung kaum mehr abwarten. Vorläufig fürchtet er jedoch die Nachfrage verzweifelter Patienten, die das Mittel schon heute haben wollen. Solange es nicht zugelassen ist, muß er sie enttäuschen.
- Datum 03.10.1997 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





