Eine neue Mode, ein neues Genre: Die deutsche Paarbiographie

Singles, vom Partner träumend

Goethe und die Frau von Stein - ein Liebespaar, das zwei Jahrhunderte lang die Phantasie der Leser beschäftigte; aber waren sie überhaupt ein Paar? Zwar soll Charlotte von Stein den jungen Dichter gelehrt haben, was in der Weimarer Gesellschaft sich ziemte, und ihm Stimmung und Stoff zu vielen Werken eingegeben haben - aber gehörten diese beiden, die sich viele nächtliche Diners und Rendezvous gaben, zusammen wie Wilhelm und Alexander von Humboldt, wie Achim von Arnim und Clemens Brentano, wie Rimbaud und Verlaine, Simone de Beauvoir und Sartre, Kandinsky und Gabriele Muenter? Eine Muse ist keine Freundin, und ein Genie ist kein Partner.

Die biographische Literatur ist seit der Mitte der achtziger Jahre dabei, statt der Liebespaare "wirkliche" Paare zu entdecken: zwei Menschen also, deren Zusammensein ihr Leben entscheidend geprägt hat, im Guten wie im Bösen. Ein Paar sind sie erst zu nennen, wenn es für sie notwendig war, sich miteinander zu beschäftigen, weil sie bei unterschiedlichen Qualitäten gleiches Gewicht hatten, der Vater (etwa der der Schwestern Brontë) Autorität und Bildung, die Töchter Begabung, der eine Bruder, etwa Wilhelm Grimm, die poetische Ader, der andere, Jacob, den philologischen Spürsinn. Paare sind Menschen, und freilich brauchen es nicht notwendig immer nur zwei zu sein, deren Beziehung, die kurzfristig sein darf oder ein ganzes Leben währt, vom Betrachter unter einem intellektuellen Aspekt gesehen werden kann. Ihr gemeinsamer Weg wird zum anschaulichen Exemplum, mit dem sich wichtige Strömungen einer Epoche darstellen oder neue Interpretationen vorführen lassen. Der Rowohlt Verlag hat die Mode am kräftigsten befördert.

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Mit den Titeln "Deutsche Brüder" und "Deutsche Freunde" hat der Rowohlt Verlag ein erhabenes und erhebendes Vokabular bemüht für dieses neue Genre der Paargeschichte. In je zwölf Essays - ist es Zufall, daß es sich um zweimal zwölf Jünger handelt? - werden die Geistesheroen der deutschen Geschichte vorgestellt, unter den Brüdern zum Beispiel Karl V. und Ferdinand I., Friedrich der Große und Prinz Ferdinand von Preußen, Carl Friedrich und Richard von Weizsäcker; im anderen Band die Jugendfreundschaft von Hegel, Hölderlin und Schelling, die Altersfreundschaft zwischen Goethe und Zelter, aber auch die "falschen Freunde" Metternich und Gentz. Das letzte Kapitel des Freundschaftsbuches ist der Fußballnationalmannschaft von 1954 gewidmet; es ist mit der Aufforderung überschrieben: "Elf Freunde müßt ihr sein", die jedem Deutschen zu Herzen gehen sollte.

Inzwischen hat der Rowohlt Verlag eine eigene Reihe "Paare" etabliert, und für sie wird er eigens eine Werbekampagne in den Buchhandlungen veranstalten. Und der Frankfurter Suhrkamp Verlag liefert am 7. Januar 1998 ein Paket von Büchern aus, das unter der Rubrik "Liebe, Freundschaft, Konkurrenz" im Verlagsprogramm angekündigt ist. Beide Bände von Rowohlt folgen einer Tendenz, die von Frauen initiiert worden sein dürfte. Die, mit einer Ausnahme, ausschließlich von Männern über Männer verfaßten Bände im Rowohlt Verlag werden auf einer Welle von weiblichen biographischen Essays getragen, die seit den achtziger Jahren den Buchmarkt bewegt. Die Männer hatten ihr weibliches Pendant längst schon in der Trilogie von Luise F. Pusch gefunden, ehe bei Rowohlt diese Kurzbiographien erschienen, wo die Männer noch unter sich bleiben durften. Seit 1985 erscheinen unter der Herausgeberschaft der Linguistin bei Insel die Sammelbände über die "Töchter berühmter Männer", die "Schwestern berühmter Männer" und die "Mütter berühmter Männer". Ihrem Trend folgte 1989 Inge Stephan mit einem selbstverfaßten Essayband, der Tendenz und Absicht der weiblichen Editionen im Titel schon preisgibt und daher zugkräftiger ist als die Trilogie ihrer Vorgängerin. Das feministische Programm verdichtet Inge Stephans Titel geradezu zum Slogan: "Das Schicksal der begabten Frau im Schatten berühmter Männer".

Unter Autoren so gut wie unter den Lesern hat sich mittlerweile eine geschlechtliche Trennung eingerichtet, wie sie im Gottesdienst des Mittelalters rigider nicht gehandhabt worden sein kann. Jede Gruppe sitzt in ihrer Box, die Augenlider züchtig niedergeschlagen, und hält es für sündig, nach rechts zu blicken oder nach links auf das andere Geschlecht. Die Trennung in zwei Literaturen tradiert eine uralte stilistische und thematische Scheidung der gebildeten Geschlechtsgenossen: Die Geschichte ist, auch als literarisches Thema, die Domäne des Mannes, die Familie die der Frau. Die Bände über die deutschen Brüder und Freunde beginnen jeweils mit deutschen Fürstenportraits und zielen auf den historisch gebildeten Pensionär als Leser, die Exaktheit der Daten und des Stils würde lesenden Frauen nur trocken erscheinen.

Die von Frauen verfaßten Essays ziehen allesamt aus dem Hintergrund der Berühmtheit still leidende Wesen hervor, für die nie je ein Mann außer dem, in dessen Haushalt sie lebten, ein Auge hatte. Die Männer also beginnen mit Deutschlands und Preußens Glanz und Gloria, die Frauen kommen, verbohrt ins eigene Unglück, aus der ewigen europäischen Familientragödie nicht heraus. Die männlichen Autoren und Herausgeber zeigen, wie es sich für sie gehört, viel Optimismus und haben Mut genug, allein schon durch den Titel, die nationalen Größen zu rühmen in einem Land, wo es immer noch nicht möglich ist, etwas oder gar sich selbst mit Überzeugung deutsch zu nennen; sie brauchen, selbstbewußt wie sie sind, die nationale Aura, um ihr Werk zum Hausbuch zu machen. Schon das Volumen und die Bindung als Hardcover zeichnen die "Deutschen Brüder" und "Deutschen Freunde" als Werke für den deutschen Bücherschrank aus. Die Arbeiten der Frauen hingegen verstecken sich als Taschenbücher unter vielen Taschenbüchern, ihre Verfasserinnen sind so verletzlich wie der papierne Einband ihrer Werke.

Die beiden Geschlechter verhalten sich innerhalb des Trends so unterschiedlich wie nur möglich, und doch ist es ein und dieselbe Bewegung, aus der das neue Lesevergnügen entstanden ist. Im Strahlenschein der Männerportraits deutet sich der Gewinn nur zart an, in den verhärmten Zügen der Frauenbildnisse malt sich die Tendenz der Gegenwart zwar in tragischer Kontur, aber deutlich lesbar: Das Bildungsbewußtsein verabschiedet sich vom großen, einsam gegen die Welt stehenden Genie.

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