Die kurze Geschichte: Ein Mann und eine Frau trennen sich. Ein Kind. Sie heißt Sibylle, das Mädchen Carina. Das Trennungsjahr: 1984. Der Ort: Frankfurt am Main. Das ist alles.

Die lange Geschichte: "Übers Eis", Peter Kurzecks neuer Roman, ist die Mitschrift dieser Trennung. Das knappe, endlose Protokoll des seelischen Zusammenbruchs, das Tagebuch einer Auflösung. Ein Buch einer heiteren Melancholie, des alltäglichen Abgleitens. Weiterleben, nur so, wie nebenher: "Stehen und atmen."

Vier Bände soll dieser Lebensroman einmal umfassen, schreibt der Verlag.

Chronik, Stadt- und Zeitgeschichte, ein Buch über Deutschland soll es werden.

"Übers Eis", also, ist ein Anfang.

"Mein Plan ist es, mein Zeitalter aufzuschreiben", sagt Peter Kurzeck. Es scheint ihm gelungen. Wenigstens hier. Er spricht von sich und dabei doch von den anderen. Ein beschädigtes Privatleben, auskomponiert zur vielstimmigen großen Sprechoper. Dazu ein Personal, das so geradewegs aus dem Alltag gefallen scheint wie das autobiographische Ich dieser langen Geschichte zum kurzen Abschied. Personen und Stimmen, Wahn und Autismus. In Peter Kurzecks fortwährendem Selbstgespräch treten sie alle auf und reden bis zur Besinnungslosigkeit. Jeder ein Redner in eigener Sache und in eigener Rede, in Halbsätzen, Bruchstücken zumeist, ohne Punkt und Komma.

Es treten auf: das "Schattenpaar" in der Wohngemeinschaft, Lehrer, Hausmeister, Leute, Nachbarn, Passanten. Die Sprache ist der große Tranquilizer. Aber: Ein Zittern ist darunter, eine unterdrückte Hysterie, die sich nur schwach kaschiert. Da ist der alte Mann, der mit einem selbstgebastelten Meßkasten die Erdstrahlen mißt. Oder der von gegenüber, der zuerst nur die Kippen vom Gehweg fegt und schließlich die ganze Straße abseift. Oder der Hausinspektor, beim Bewerbungsgespräch im Theater. "Aha, als Logenschließer! Wer schickt Sie? Schriftsteller mehrere schon! Was schreiben Sie so? Gibt ja Schriftsteller, die sind gegen alles dagegen, sind Sie auch so einer? Kennen Sie den, der im Fernsehen? Interessieren Sie sich für Sport? Aber unter uns gesagt: Deutschland hat nachgelassen! Oder was meinen Sie zu dem Ganzen? Poet, sagt man nicht auch Poet? Auch in Zeitungen?