Leben vor den AbendnachrichtenSeite 3/3
Es ist jene Wirklichkeit versprengter Monologe, äußerer und innerer, die nicht zu schildern, sondern nur zu hören ist. Ein Tonband der laufenden Ereignisse, das die Beschreibung er übrigt. Die Handlung ist auf ein Minimum geschrumpft: die Trennung, kunstvoll verschränkt in Vorher und Nachher, Vorzeit und Nachzeit, die Wohnungssuche, die Bewerbung, der Umzug. Von Sibylle ist wenig mehr zu erfahren, als daß sie neunzehn ist, allein lebt und in der "Roten Hilfe" arbeitet. Dann die gemeinsame Tochter, der gemeinsame Job in einem Antiquariat, die gemeinsamen neun Jahre bis zur "neuen Zeitrechnung". Und Carina, der das Buch gewidmet ist, die Orangenpapierchen sammelt, "mit Sonnensternen, Windrosen und Tiergesichtern", ihr gehören die wenigen glücklichen Momente des Romans, wenn die Zeit einmal so angehalten scheint, wie der Autor es erträumt. Das Leben: "Ein einziger langer Tag."
Gibt es ein Leben vor den Abendnachrichten? Kaum, oder genauer: kaum aus erster Hand. Leben beginnt, wo das Vergessen bezwungen ist. Ein Erinnerungszwang, der auch den Touristen in Locarno und den Stipendiaten in Edenkoben selten verläßt. "Vor den Abendnachrichten" sind zwei kurze Prosatexte überschrieben, die Peter Kurzeck neben den anderen Projekten und nach der Arbeit an "Keiner stirbt" verfaßte. Ein Seitenstück, daß ohne Kenntnis der großen Arbeiten kaum von Belang ist. Insgesamt eher Fingerübungen, Stiletüden eines Schriftstellers, der nicht von der Schreibmaschine lassen kann.
Man muß mit diesem Schriftsteller schon "Übers Eis" gehen, um zu erfassen, worum es geht. Die Kopfgeburten seiner Romanmonologe beschreiben den ohnmächtigen, aber triftigen Einspruch gegen das Vergessen. Leben bedarf der Selbstvergewisserung. Ein mühsames, ermüdendes Verfahren und doch hervorragend dafür geeignet, es ernst zu meinen mit der Erkundung der Wirklichkeit.
Peter Kurzeck: Übers Eis Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1997 325 S., 38,- DM
Vor den Abendnachrichten Erzählungen Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 64 S., 26,- DM
- Datum 10.10.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 42/1997
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