Anton Quintana: Wandernde Hügel, Singender Sand
Poetisch-philosophischer Abenteuerroman im fernen Mongolien
Wie eine Oase der Stille hat sich "Fantásien" auf dem Buchmarkt behauptet. Während Science-fiction schon seit Jahren verstärkt ins Star-Trek- und Videoland abgewandert ist, blüht das unermeßliche Reich der Imaginationsliteratur. Diesmal ist es der holländische Autor Anton Quintana - er trat schon vor mehr als zehn Jahren mit zwei ungewöhnlichen Büchern hervor - der uns ins ferne Mongolien nahe an Chinas Grenze führt.
Aus dem morgendlichen Dunst über der Steppe schält sich ein seltsamer Reiter heraus. Klein und häßlich hockt er auf einem struppigen Gaul. Über ihm fliegt eine Dohle, unermüdlich folgt ein Wolf dem Hufschlag des Pferdes: ein Schamane in mythischer Dreifaltigkeit.
Shangri-La ist überall. Vor allem auch im Inneren der Menschen. Quintana liebt seine "Outsider", diese in die Ferne und Vergangenheit projizierten Helden seiner eigenen Biographie. Sie suchen den rechten Weg, zu sich selbst und den anderen, suchen Heilung. Perregrin, die zentrale jugendliche Gestalt des Romans (ein "Wanderer" auch er), brach sich zum wiederholten Male ein Bein. Sein Vater, von manch ungelüftetem Geheimnis umflort, hat den Schamanen herbeigerufen, weil nur er einen möglichen Weg zur Genesung weisen kann.
So brechen denn die beiden auf zu einer gefährlichen Reise, ein junger Mann und ein blinder Seher. Quintana ist ein Meister des Atmosphärischen. Wie er seine Figuren in die Landschaften und deren wechselnde Klimate einpaßt, in die Stimmungen und Wetterschwankungen, wirkt wie ein Sog. Mehr Geduld und ein längerer Atem werden allerdings erforderlich, wenn in kleinen Oasen und bei ausgedehnten Rasten letzte Fragen erörtert werden. Was ist das Leben, wie rasch und schmerzhaft kommt der Tod? Wie kann ich Ängste - vor Gespenstern beispielsweise - überwinden? Quintana ist ein Freund diskursiver Spiegelfechtereien. Und so wird auf eine kurze Frage selten eine ebenso knappe Antwort erteilt. Die Absicht ist einleuchtend: Durch gezielte Absurditäten und waghalsig aufgestellte Thesen soll der Junge gezwungen werden, sich nicht mit Teilwahrheiten zu begnügen.
Ein neues literarisches Exempel also der Philosophie für Jüngere, eine äußerst verführerische Variante, da Quintanas Propädeutik durch die immer wieder aufziehenden Dunstschleier am Horizont, das Tappen im Sandsturm und die Narreteien der "Fata Morganas" eine poetische Aura erhält. Über 428 Seiten lesend zu durchmessen, weite Strecken zu meistern, legt am Ende den Siegesruf nahe: "Gratulation, junge Damen und Herren. Jetzt könnt ihr euch wahrlich an den Rest der Literatur wagen!"
Das Buch von Bod Pa
aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
- Datum 17.10.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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