Girshen Gengan Naicker sucht eine Frau. Keine neue Freundin, sondern eine Frau zum Heiraten. Girshen ist schließlich schon 37, höchste Zeit für die Ehe, findet er. Und seine fast achtzigjährige Mutter findet das erst recht. Doch die passende Braut ist nicht in Sicht. Zu streng sind die Kriterien der Familie, und keine der Freundinnen konnte sie bisher erfüllen. Als Girshens Mutter vor über fünfzig Jahren als Plantagenarbeiterin in das Land am Kap geholt wurde, war Indien noch englische Kolonie, und die Sitten, die sie mitbrachte, waren streng. Bis heute versuchen die meisten der gut 900 000 südafrikanischen Inder nach diesen Gesetzen zu leben, die sich im modernen Indien längst weiterentwickelt und entschärft haben.

Gleiche Religion, gleiche Kaste, gleiche Sprache und Kultur - das ist die Grundvoraussetzung jeder indischen Heirat in der Diaspora. Doch bei drei großen Religionen, Dutzenden Kasten und Hunderten Sprachen und Kulturen schränken diese Kriterien die Brautschau dramatisch ein. So gibt es in Südafrika nur 10 000 Sikhs oder 5000 Dschainas. Eine neue Lösung für dieses Auswahldilemma: weltweite elektronische Datenbanken mit heiratswilligen Auslandsindern, zugänglich per Internet. Nach westlichen Liebesidealen mag das unromantisch erscheinen, aber in den strengen indischen Ehekriterien ist von persönlicher Sympathie oder gar Liebe sowieso nicht die Rede. "Inder glauben an arrangierte Hochzeiten", sagt auch Girshen und plaziert seine Suchanzeige bei vivah.com, einer von Dutzenden, zumeist kostenlosen indischen Heiratsvermittlungen im Internet.

Wie gut, daß Girshen Akademiker ist. Denn ein Universitätsdiplom ist das Mindeste, was im Internet von einem indischen Bräutigam erwartet wird, egal, ob er beim hinduistischen vivah, im Kerala Express, dem Dienst für wiedergeborene Pfingstler, oder im streng muslimischen Al Zafaf mit dem Koranzitat im Logo annonciert. Gut auch, daß Girshen mit seiner Promotion noch nicht fertig ist. Ein Titel nämlich schränkt die Auswahl wieder ein, denn ein Doktor ist ein teurer Bräutigam. "Die Familie der Braut muß Mitgift zahlen, und zwar um so mehr, je besser die Ausbildung des Ehemannes ist", sagt Girshen.

Besser wäre es allerdings, müßte Girshen nicht selber für sich werben. Doch leider ist er das einzige Mitglied seiner Familie mit E-Mail-Adresse, die Grundvoraussetzung einer Beteiligung am elektronischen Heiratsmarkt. Andere Auslandsinder haben es da leichter. Für sie inserieren Eltern, Onkel, gute Freunde oder Geschwister. "Wir suchen nach einer passenden schönen Braut für unseren lieben, extrem hübschen Bruder", heißt es zum Beispiel in einer Anzeige. "Er ist 25, fünf Fuß sieben Inch groß, hat eine britische Gesichtsfarbe, hellbraune Augen und ist extrem höflich." Mit einer "britischen Gesichtsfarbe" kann Girshen zu seinem eigenen Bedauern nicht aufwarten. Er hat den dunklen Teint seiner südindischen Vorfahren. "Je heller die Haut, desto attraktiver der Bräutigam", meint er - da spielt sicherlich noch die südafrikanische Apartheid hinein, die ihn noch vor vier Jahren zum Bürger zweiter Klasse abgestempelt hat.

Natürlich sind es nur die besten Eigenschaften, mit denen die Heiratswilligen im Internet gepriesen werden. So viele Menschen mit "gutem Charakter" gibt es dort, mit "fürsorglichem, aufrechtem Wesen" aus einer "respektablen, gebildeten Familie mit hohen moralischen Werten". Positiv ist es auch, wenn der Bräutigam ein "strikter Vegetarier" oder teetotaller ist, also ein Alkoholabstinenzler. Aber wie bei jedem Arbeitszeugnis lohnt es sich auch beim elektronischen Heiratsmarkt, zwischen den Zeilen zu lesen. Schreibt der Bräutigam dort von seinen "engen Familienbanden", dann heißt das für die künftige Ehefrau, daß sie mit den Eltern ihres Mannes zusammenleben muß. Wenn dazu auch noch "hohe indische Werte" kommen, dann kann sie sich auf ein Leben im Haus einstellen, eigene Berufstätigkeit ausgeschlossen.

Selbstverständlich gibt es auch unter den heiratswilligen Auslandsindern manche, die ihr Eheglück nicht von religiösen und traditionellen Vorschriften einschränken lassen wollen. "Kaste, Bildung, Hautfarbe kein Hindernis", heißt es da zum Beispiel. Wer so für sich wirbt, macht sich allerdings auch schon wieder zum Teil einer kleinen Minderheit - nämlich derer, die ihre indischen Werte mit den westlichen der Länder getauscht haben, in denen sie leben. Auch das erleichtert keineswegs die Brautschau.

So viele Kriterien - und trotzdem findet sich unter den Millionen Internet-Nutzern manchmal der passende Partner. Doch der hält oft im echten Leben nicht, was er im Cyberspace versprach. So findet sich im Netz der Hilferuf einer 26jährigen Frau aus dem Punjab. Ihre Ehe mit einem Auslandsinder in den USA war elektronisch vermittelt worden. "Aber als ich hier ankam, stellte sich heraus, daß mein Mann keineswegs der Akademiker war, den seine Eltern meinen Eltern angepriesen hatten", schreibt sie. "Er ist ein einfacher Buchhalter und verdient nicht genug für unseren Unterhalt. Ich finde aber keinen Job in meinem Beruf als Mikrobiologin." Der Mann schickte sie in eine Fabrik, wo sie jetzt am Fließband Spielzeug verpacken soll.