Der komplette Text:Mit der Verpflichtung zur Arbeit will Leipzig dem finanziellen Fiasko entgehen
Das soziale Imperium
Noch im Vereinigungsjahr 1990 wurde Friedel N. aus Leipzig arbeitslos. Ihr Betrieb zählte zu den ersten, die abgewickelt wurden. Weil sie als Feinmechanikerin keine Anstellung mehr fand, ließ sie sich zur Verkäuferin umschulen - vergebens, einen Job bekam sie nicht. Der Versuch, sich selbständig zu machen, endete mit einem finanziellen Fiasko; die Ehe zerbrach. "Ich hab' jetzt 300 000 Mark Schulden, weil ich damals mitgebürgt hab'", sagt sie. Heute lebt die 46jährige mit ihren zehn und achtzehn Jahre alten Töchtern von der Sozialhilfe. Jetzt hat sie, wenigstens befristet, endlich wieder Arbeit: In einer Kleiderkammer des Betriebs für Beschäftigungsförderung bessert sie getragene Kleidungsstücke auf.
Schräg gegenüber auf demselben Gelände, einst Sitz der Leipziger Stasizentrale, residiert im Chefbüro Matthias von Hermanni. Auch sein beruflicher Werdegang nahm 1990 eine entscheidende Wende. Damals packte der Kommunalbeamte in Hannover seine Sachen und zog nach Leipzig. Dort baute der Christdemokrat zunächst einen Stützpunkt zur Organisation von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) auf. Damit wollte die Stadt "den ersten Entlassungswellen" begegnen. Doch inzwischen wurden aus den Wellen "Dauerflüsse", so eine städtische Broschüre, und aus dem ABM-Stützpunkt der Betrieb für Beschäftigungsförderung (bfb). Das städtische Unternehmen ist mit 4500 Arbeitern und Angestellten der größte Arbeitgeber in der Region Leipzig. Er sei "der letzte Kombinatsdirektor", kokettiert der 43jährige von Hermanni gern.
Weil in der DDR "Vollbeschäftigung" herrschte, hatten nach ihrer Entlassung sehr viele Menschen Anspruch auf Arbeitslosengeld und -hilfe. Mittlerweile bezieht ein großer Teil von ihnen Sozialhilfe, und das droht die kommunalen Haushalte zu sprengen. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) waren 1993 bereits vierzig Prozent der Erwerbslosen in Sachsen langzeitarbeitslos. Leipzig zog vor zwei Jahren mit dem Programm "Hilfe zur Arbeit" die Notbremse.
Jeder Sozialhilfeempfänger, der arbeitsfähig ist, hat sich jetzt beim bfb "zur Aufnahme von Arbeit" einzufinden. Wer nicht erscheint, dem wird die Unterstützung gestrichen. Als "arbeitsfähig" gelten die meisten, ausgenommen über 55jährige, Behinderte und Alleinerziehende mit Kindern unter sechs Jahren. Inzwischen besteht die bfb-Belegschaft zu einem Drittel aus Sozialhilfeempfängern, Tendenz steigend. Sie erhalten reguläre Arbeitsverträge, auf ein Jahr befristet. Bezahlt werden achtzig Prozent der untersten Tarifgruppe des öffentlichen Dienstes. Im Schnitt macht das etwa 1400 Mark netto. Das ist zwar mehr, als die Stadt sonst an Sozialhilfe zahlen müßte, rechnet sich aber für Leipzig: Nach diesem Jahr haben die Betroffenen nämlich erneut Anspruch auf Arbeitslosengeld und -hilfe.
Im Unterschied zu ABM-Kräften, die nur im Rahmen einer exakt beschriebenen Maßnahme beschäftigt werden dürfen, können Sozialhilfeempfänger überall eingesetzt werden. Und Leipzig habe jedem eine Stelle zu bieten, sagt von Hermanni stolz. Zwar würden die Wünsche der Betroffenen nach Möglichkeit berücksichtigt, erklärt Marianne Geyer, Pressesprecherin des bfb, die als abgewickelte Journalistikdozentin noch eine relativ berufsnahe Stelle erhalten hat. Aber der größte Teil der Tätigkeiten seien "Stiefeljobs": schmutzige, anstrengende Arbeiten, zumeist im Freien.
Überall im Stadtgebiet sind die Arbeitskolonnen anzutreffen. Jeden Morgen gegen 6.45 Uhr verlassen 130 Werkbusse das Gelände und bringen die Frauen und Männer zu den derzeit achtzig Baustellen und Objekten des bfb. Im Stadtteil Lößnig etwa, einem Plattenbaughetto, entsteht gerade ein komplettes Naherholungsgebiet. 86 000 Bäume aus der bfb-eigenen Baumschule wurden bereits angepflanzt. Am Rande des Areals verlegt eine Gruppe älterer Frauen den Rasen eines neuen Sportplatzes, Quadrat für Quadrat, so wie man Teppichfliesen verlegt. "Na ja, wir müssen 's eben machen", meint eine Mittfünfzigerin, ehemals Zustellerin bei der Post, während sie auf Knien eine Rasenfliese festdrückt.
Zum Betrieb gehören mehrere Werkstätten, von der Tischlerei bis zur Schlosserei, eine Wäscherei, ein Maschinen- und Fuhrpark sowie zahlreiche Dienste, vom Wach- bis zum Sozialdienst. Der Arbeitslosenkonzern betreibt ökologischen Garten-, Landschafts- und Gewässerbau, errichtet Sportstätten und macht Brachflächen baureif. Er besitzt eine Hausdruckerei, eine Graphikabteilung und eine Zeitung, produziert von arbeitslosen Journalisten.
- Datum 24.10.1997 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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