Alle zwei Jahre wird in Halberstadt der Gleim-Literaturpreis verliehen, benannt nach dem Dichter und Kulturmanager Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803), der in Halberstadt ein stattliches Haus samt Bücher- und Bilderschatz hinterlassen hat. Der Preis gilt Werken zur Kulturgeschichte der Aufklärung. Am vergangenen Freitag bekam ihn die Historikerin Gudrun Gersmann für ihr Buch über die Welt der Pariser Schriftsteller, Zensoren, Kolporteure und Verleger am Vorabend der Französischen Revolution, "Im Schatten der Bastille" (Verlag Klett-Cotta, 394 S., 78 Mark). Unser Autor hielt die Festrede. Inspiriert durch Gersmanns Buch, das vor allem das Zensursystem im Ancien régime beleuchtet und das ihm als gelerntem DDRler fast wie ein "Heimatroman" erscheint, erzählt er vom Leseleben am Vorabend der 1989-Revolution und in der Welt danach.

Am 9. Juli 1988 begab sich ein Bürger der Deutschen Demokratischen Republik zum Ostberliner Grenzübergang Bornholmer Straße. Es war dem trüben Samstagnachmittag nicht anzusehen, daß genau sechzehn Monate später sich an ebendieser Stelle die Weltgeschichte ändern wollte. Der Bürger hatte nichts Entsprechendes im Sinn. Je näher er den Grenzanlagen kam, desto zager wurde ihm ums Herz, und ehe noch der Posten Halt! gebieten konnte, stand er still.

Bürger? sagte der Posten. - Ja, guten Tag, ich möchte also bitte den Kommandeur sprechen, den Grenzübergangsleiter.

Ein Genosse Offizier erschien - mittfünfziger Rundling, die behäbige Variante des Grenzregimes. Bürjer, sprach er vorwurfsvoll, Bürjer, wo wolln wir denn hin? - Zu Ihnen. - Kenn' wir uns denn? - Ich habe ein Problem. - Dann schießense mal los, sagte, etwas unpassend, der Genosse Offizier.

Folgendes war vorgefallen: Unsere Nachbarin befand sich im Besitz eines Westberliner Geliebten, eines Türken namens Bozkurt. Diesem Bozkurt hatte ich sechzig Westmark gegeben mit der Bitte, mir dafür drüben ein paar heißbegehrte Jazzplatten zu kaufen. Das tat er auch. Als er wieder zur Geliebten in den Osten strebte, via Bornholmer Straße, wurde er gefilzt und ausgequetscht, für wen die nichtsozialistischen Tonträger seien. Bozkurt in seiner Angst beichtete den Devisenschmuggel und war die Platten los. Ich heulte fast vor Wut und ermannte mich zum Gang in die Höhle unserer Organe.

Die Platten bekam ich nicht. Bürjer, sprach der Genosse Offizier, Bürjer, Se könn 'ne Eingabe schreiben und den Sachverhalt darlejen. Ich schrieb und legte dar. Ich lobte meine humanistische Tätigkeit als Musikkritiker des jugendgemäßen Gegenwartsschaffens. Und was die gewiß irrtümlich einbehaltenen Musiken beträfe, so stammten sie von progressiven bürgerlichen Künstlern, Bündnisgenossen unserer Sache, die nie abseits stünden, wenn es gälte, für Frieden und Völkerfreundschaft die Trommel zu rühren respektive ins Horn zu stoßen (die Mehrzahl der Inhaftierten waren Saxophonisten). Ziehen wir in der Friedensfrage nicht alle an einem Strang? So fragte ich und schloß mit freundlichem Gruß.

Nach sieben Wochen kam Antwort: "Mit der vorliegenden Handlungsweise wurden die devisenrechtlichen Bestimmungen verletzt. Da die Rechtsverletzung durch Herrn Bozkurt vorsätzlich begangen wurde, erfolgte die Einziehung der anstelle rechtswidrig ausgeführten Zahlungsmittel getretenen Gegenstände korrekt auf der Grundlage der gesetzlichen Bestimmungen. Auch unter Beachtung der in Ihrer Eingabe dargelegten Probleme bestehen keine rechtlichen Möglichkeiten für eine Aufhebung oder Änderung dieser Entscheidung. (...)