Zbigniew Brzezinskis Buch wird eine kontroverse Debatte auslösen - zumindest in Europa, in China und in Rußland. Schon der deutsche Titel "Die einzige Weltmacht" macht ein höchst provokantes amerikanisches Selbstbewußtsein überdeutlich. Aber auch der original amerikanische Untertitel "American Primacy und Its Geostrategic Imperatives" plakatiert nicht gerade Rücksicht auf andere Nationen und Staaten und auf ihre legitimen Interessen. Gleichwohl: Man muß dieses Buch zur Kenntnis nehmen, und man muß es ernst nehmen.

Brzezinski hat - wie außer ihm und vor ihm nur Henry Kissinger - erheblichen Einfluß auf das außenpolitische Bewußtsein vieler Amerikaner, seien sie Abgeordnete und Senatoren, seien sie Diplomaten oder aber Intellektuelle und Banker, die sich vorübergehend in die Dienste des State Department nehmen lassen, seien sie Vorstände von Firmen des Big Business oder Gouverneure von amerikanischen Bundesstaaten. Wer in Washington von "Henry" oder von "Zbig" spricht, der setzt als selbstverständlich voraus, daß der Gesprächspartner versteht: Hier ist von Kissinger oder von Brzezinski die Rede. Der letztere ist noch nicht ganz so einflußreich wie der erstere aber seine Strategie zur Verlängerung und Ausdehnung amerikanischer Vorherrschaft wird dafür sorgen, daß er in der Welt genausooft zitiert werden wird wie Kissinger und - daß er ebensooft ablehnend zitiert werden wird wie Samuel Huntington und dessen "Clash of Civilisations" oder wie in Deutschland Daniel Goldhagen und sein "Hitler's Willing Executioners" ("Hitlers willige Vollstrecker").

Der den ganzen Erdball umspannende gedankliche Horizont des amerikanischen Autors ist grundsätzlich zu begrüßen, auch wenn er Schwarzafrika, Lateinamerika und die hoch bedeutsamen Religionen des Islam und des Hinduismus sowie den Konfuzianismus in ihren globalen Gewichten deutlich erkennbar unterschätzt. Die politischen Klassen, insbesondere die politischen Führungspersonen der europäischen Staaten, würden ihren europapolitischen Zielen und Aufgaben nützen, wenn sie sich den globalen Aspekt Brzezinskis zum Vorbild nähmen. Allerdings sollte das nicht dazu führen, jedes seiner Urteile zu übernehmen - schon gar nicht seine Zielsetzung und auch nicht seine Überzeugung, was gut ist für die USA, sei eo ipso gut für Frieden und Wohlergehen der Welt. Der Autor rechnet zwar mit dem weiteren Fortschritt der europäischen Integration und auch mit zusätzlicher Erweiterung der Nato in östlicher Richtung aber er spricht von "Vasallen" der USA und von "tributpflichtigen Staaten". Manche Engländer mögen dergleichen schlucken, nicht aber die meisten kontinentaleuropäischen Bürger. Vielmehr wird für die letzteren der von Brzezinski erhobene Dominanzanspruch Amerikas ein zusätzlicher Ansporn sein zum weiteren Ausbau der Europäischen Union in Richtung auf ein sich selbst bestimmendes Europa. Dies wird auch aus Hans-Dietrich Genschers Vorwort erkennbar, in dem Genscher sich vorsichtig von Brzezinskis Strategie distanziert, aber die Europäer auffordert, sich selbst immer wieder zu fragen, ob es wirklich "zuviel Amerika" oder nicht vielmehr "zuwenig Europa" gibt.

Brzezinski gliedert sein Buch in sieben Kapitel: Einleitend spricht er über amerikanische Supermachtpolitik als "Hegemonie neuen Typs". Sodann folgt ein Kapitel über das "eurasische Schachbrett" - eine im Grunde nicht überzeugende zusammenfassende Konzeption von Lissabon bis Wladiwostok und Tokio -, auf dem die USA "den Ton angeben". Im dritten Kapitel wird Europa als amerikanischer Brückenkopf für Eurasien dargestellt. Darauf folgt ein Kapitel über Rußland, es enthält unter anderem Kritik an den Diskontinuitäten der amerikanischen Rußlandpolitik seit dem Ende der Sowjetunion. Das anschließende Kapitel über Zentralasien, als "Eurasischer Balkan" überschrieben, enthält eine Fülle interessanter Einzelbeobachtungen und -prognosen für dieses vorhersehbar große Krisengebiet der Zukunft. Den Fernen Osten erörternd, wird im vorletzten Kapitel die künftige Rolle Chinas stark unterschätzt.

Das Schlußkapitel geht ungeschminkt von dem "Amt des Weltpolizisten" aus, welches die USA ausüben sollen immerhin räumt der Autor aber ein, daß im Laufe der Zeit die Macht Amerikas abnehmen wird. Deshalb geht es ihm in erster Linie darum, wenigstens Amerikas globale Vormachtstellung zu bewahren.

Brzezinski skizziert zu diesem Behufe drei Phasen amerikanischer Weltmachtpolitik: Zunächst eine Phase des geschickten Taktierens und Manipulierens weil die amerikanische Nation die damit verbundenen Lasten nicht auf die Dauer werde tragen wollen, müsse sodann mittelfristig eine Phase folgen, in der unter amerikanischer Führung die wichtigeren Staaten Europas und Asiens ein "transeurasisches Sicherheitssystem" bilden schließlich könnte sich daraus in einer dritten Phase und langfristig ein " globaler Kern echter gemeinsamer Verantwortung" entwickeln.

Diese dritte Phase erscheint nur vage und als in weiter Ferne liegend.