Woher die Erregung? Mit seiner Rede in der Paulskirche und der Bemerkung, er schäme sich für sein Land wegen der "abermaligen, diesmal demokratisch abgesicherten Barbarei", der Ausländerpolitik, hat Günter Grass viel billigen Zorn auf sich gezogen.

Merkwürdig - über die Jahre haben Politiker wie Journalisten immer häufiger geklagt, die Intellektuellen mischten sich nicht mehr ein. Aber wehe, wenn sich dann einer doch einmal vehement zu Wort meldet. Da ist es eben auch wieder nicht recht. Sie sollen paß- und normgerecht sein, die erbetenen kritischen Geister.

So ärgert sich der alte Rudolf Augstein über die "fatale Kluft zwischen rednerischer Überzeugtheit und Unkenntnis der Realitäten". Der junge Jens Jessen (Berliner Zeitung) wiederum entdeckt aus Anlaß der Rede den "Geburtsmakel" der beiden deutschen Nachkriegsstaaten. Ihre mangelnde demokratische Legitimität hätten sie niemals wirklich verarbeitet. Genauer: Die westdeutsche Linke hat aus dieser Sicht nicht gelernt, Mehrheiten zu akzeptieren. Die Kurden- und Ausländerpolitik sei aber von der Mehrheit gewünscht. Da wird noch einmal das Bild einer unverbesserlichen Linken aufpoliert, so schön schrecklich wie in alten Tagen.

Ein gemeinsames Erregungsmotiv hört man heraus: Jetzt schien doch schon fast Ruhe eingekehrt zu sein im vereinigten Land. Und dann spuckt Grass in die Suppe. Schämt sich prominent, als hätte man ein solches "Gewissen der Nation" noch oder wieder nötig. So wird er zur tragischen Heldenfigur stilisiert, die er nicht ist.

Zur Sache mit dem Schweigen: Es ist sicher etwas dran an der Kritik, "die" Intellektuellen hielten sich in den großen öffentlichen Fragen auffallend zurück. Die Politik ist der Kritik entwöhnt. Und übrigens sind das die Intellektuellen auch, die nur selten die Hitze aushalten, wenn sie sich denn schon einmal in die Küche begeben.

Die Gründe für diesen Rückzug sind vielfältig. Wolf Lepenies hat ihn vermutlich als erster beklagt, als er den kritischen Geistern vorhielt, sich um die "unerhörte Begebenheit" der deutschen Vereinigung nicht zu kümmern. Bevor man sich darauf einläßt, ist eine Rückblende nötig. Tatsächlich gewinnt man dabei das Bild einer erstaunlich lebendigen Republik, und zwar seit den Adenauer-Jahren.

Für fast sämtliche Fragen von nationalem Gewicht, von den Nürnberger Prozessen über die Rückkehr der Emigranten, von der Wiederaufrüstung bis zum Protest der Atomwissenschaftler, vom Bau der Mauer bis zur Spiegel-Affäre, von der Verjährungsfrage bis zur Rolle der Springer-Presse, von Gorleben bis zur Raketenstationierung - Autoren, Journalisten, Pastoren, Hochschullehrer, sie alle haben sich diesen Staat mit erstritten. Im Zweifel in Zeitschriften oder Buchreihen wie Rowohlts gelben Bändchen, die eigens für die Debatten in der Republik erfunden wurden.