ZEIT-Serie "Stimmt's": Stiere "sehen rot"

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Stimmt nicht. Es ist vollkommen irrelevant, welche Farbe das Tuch hat, das der Torero vor der Nase eines Bullen schwenkt. Es ist auch nicht so, daß Rinder eher auf Menschen losgehen, die einen roten Pullover tragen. Der Grund: Wie die meisten Säugetiere haben auch Rindviecher praktisch keine Farbwahrnehmung, sie sehen sozusagen "schwarzweiß". Die rote Farbe der Tücher beim Stierkampf ist einzig und allein für die Zuschauer da.

"Das Farbsehen haben innerhalb der Säuger erst die Primaten erlernt", erläutert Professor Clas Naumann vom Museum Alexander Koenig in Bonn. "Deshalb benützen sie auch sehr auffällige Farbsignale in der innerartlichen Kommunikation, einschließlich Lippenstift und Nagellack."

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Rot suggeriert dem Menschen Blut, und das erhöht den Nervenkitzel beim Stierkampf. Für den Bullen wäre auch ein blaues Tuch ein "rotes Tuch", wenn der Matador nur wild genug damit herumfuchteln würde.

Wie findet man heraus, ob Tiere Farben sehen können oder nicht? Fragen kann man sie ja nicht. Einen Anhaltspunkt liefert die Anatomie: Die menschliche Netzhaut verfügt über drei Sorten von Farbrezeptoren - für Rot, Grün und Blau, perfekt angepaßt an die drei Farbsignale, die ein moderner Fernseher ausstrahlt. Die meisten anderen Säugetiere haben viel weniger von diesen "Zäpfchen" genannten Rezeptoren und folglich große Schwierigkeiten, Farben zu unterscheiden. Cecil Adams berichtet in seinem Buch "More of the Straight Dope", daß es Forschern gelungen ist, Ratten auf Farbsignale zu konditionieren - allerdings waren die Nager ziemlich begriffsstutzig und brauchten zwischen 1350 und 1750 Versuche, bis sie den Trick erlernt hatten.

Bevor wir Menschen nun allzu überheblich gegenüber unseren Säugetier-Kollegen werden, sei noch erwähnt, daß andere Tierarten über ein erheblich besseres Sehvermögen verfügen als wir. Optisch gesehen sind wir bei weitem nicht die Krone der Schöpfung. Bestimmte Krabbenarten haben sechs Sorten von Farbrezeptoren - sie fänden unser Farbfernsehen wahrscheinlich eher eintönig. Die besten Seher in der Natur sind die Vögel. Sie haben nicht nur Rezeptoren für bis zu sieben verschiedene Grundfarben, sondern können auch mit einer bis zu achtmal feineren Auflösung sehen als wir - das ist der Grund, warum ein Raubvogel auch aus großer Höhe ein Mäuschen am Erdboden erspähen kann.

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