Bei allem Respekt für die Bemühungen um eine weltweite Anerkennung von ethischen Prinzipien im Zusammenleben der Völker und der Menschen - wie sie etwa auch in den Veröffentlichungen von Hans Küng zum Thema "Weltethos" ihren Niederschlag gefunden haben - muß doch auf den Unterschied zwischen Menschenrechten und Menschenpflichten hingewiesen werden. Auch einige kritische Anmerkungen zu dem Beitrag von Helmut Schmidt ("Zeit, von den Pflichten zu sprechen" in der ZEIT Nr. 41/97) scheinen mir notwendig.

Die Menschenrechtserklärungen sind Jahrhunderte älter als der jetzt von Helmut Schmidt und anderen Persönlichkeiten vorgelegte Entwurf für eine Erklärung der Menschenpflichten. Sie sind keineswegs, wie Helmut Schmidt es in seinem ersten Satz nahelegt, nach dem Ende der Diktaturen dieses Jahrhunderts entstanden. Als Beispiele können vielmehr die Bill of Rights des englischen Parlaments von 1689 und die Déclaration des droits de l'homme et du citoyen der französischen Nationalversammlung von 1789 dienen.

Erstaunlich finde ich es, daß in dem Beitrag über die Menschenpflichten der Internationale Pakt über bürgerliche und politische Rechte der Vereinten Nationen vom 19. Dezember 1966 sowie der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte vom selben Datum nicht erwähnt wurden. Beide Pakte gelten zu Recht als notwendige Ergänzung der individuellen Menschenrechte.

Erklärungen von Menschenrechten und Erklärungen von Menschenpflichten sind von durchaus unterschiedlichem Charakter: Man kann fast von einem "qualitativen Sprung" sprechen. Die Menschenrechtserklärungen haben zwar nicht die Qualität allgemeiner Gesetze. Aber sie sind insoweit rechtsverbindlich, als sie es einzelnen Menschen, Gruppen und gesellschaftlichen Institutionen erlauben, sich bei der Durchsetzung ihrer Rechte - vor allem gegenüber dem Staat - auf sie zu berufen.

Anders liegen die Dinge bei der Erklärung der Menschenpflichten. Sie haben den Charakter eines moralischen Aufrufs, eines ethischen Appells. Das verändert nicht ihre moralische Bedeutung. Ein Kollege hat es mir gegenüber so formuliert: Die Erklärung der Menschenpflichten stellt eine Predigt dar.

Nun predige ich oft und gern - aber man sollte auf den Unterschied achten und nicht den Eindruck erwecken, als seien die Erklärung der "Menschenrechte" und die Erklärung der "Menschenpflichten" in ihrer Wirkung identisch.

Dabei ist es ja nicht so, daß die klassischen Menschenrechtserklärungen nicht auch von Pflichten sprechen. So ist der Artikel 29 der Menschenrechtserklärung von 1948 überschrieben mit "Grundpflichten". Im Absatz 1 heißt es: "Jeder Mensch hat Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, in der allein die freie und volle Entwicklung seiner Persönlichkeit möglich ist." Im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland (1949) ist in dem Abschnitt "I. Grundrechte" (Artikel 1-19) siebenmal von Pflicht und Verpflichtung die Rede.