Und wieder ist alles anders. In Frankreich, England und den Vereinigten Staaten streitet alles, was noch eine Stimme hat, um die Zukunft der Gesellschaft unter den Aussichten der riskanten Moderne. In Deutschland streiten Intellektuelle über die eigene Überflüssigkeit. Seit Jahren die alte Litanei. Seit Jahren der näselnde Ton konservativer Erregung, die babylonische Sprachverwirrung im linken Feuilleton, das sich nicht mehr einig wird, weder über die documenta noch über Grass, geschweige denn über das Ausmaß seiner inneren Zerrüttung. Zwischen Mittelmaß und Wahn führen in Deutschland Intellektuelle Klage über eine Spezies, der sie selbst angehören. Leibhaftige Intellektuelle beichten, sie seien im Prinzip verschwunden oder aus Prinzip zu nichts nutze. Kehrt einer wieder, rufen die Sänger des Abschieds, es sei ein falscher. Ein Ladenhüter der BRD. Vielleicht mit ehrenwerten Motiven, aber mit total falscher Haltung. Seht da, bloß ein Gutmensch.

Es war der chronische Schüler Peter Hintze, der mit überflüssigen Sätzen jenen Nebel lichtete, den ein ewiger Kanzler und seine staatstragende Opposition in ihren vergangenen Jahren haben aufsteigen lassen. Ein Fall Grass? Nein, Grass, der gerechte Patriot, hatte nur laut nachgesprochen, was die letzten Universalisten, die deutschen Bischöfe, leise predigen. Hintze wütet, und feuilletonistische Platzanweiser bekennen Farbe. Auf den ersten Blick ging es um Grass, auf den zweiten um die Sitzordnung des Intellektuellen in der künftigen Berliner Republik. Und auf den dritten? Auf den dritten Blick erkennt man Gründe für die Lähmung der politischen Kultur. Glaubt man den Platzanweisern, mußte der kritische Intellektuelle von der Bühne abtreten. Und nur dem konservativen und dem postmodernen Nachfahren gehört die Zukunft.

Bekanntlich hat der Affekt gegen kritische Intellektuelle in Deutschland Tradition, eine alte und eine junge, eine lange und eine kurze. Ohne sie versteht man wenig, nicht einmal den Streit um Grass. Die junge beginnt 1989, kurz nach der Wiedervereinigung, als in den Stunden der nationalen Empfindung kritische Intellektuelle am offenen Grab der Geschichte schworen, nie wieder kritisch zu sein, erst recht nicht gegen ihren künftigen Irrtum. Damals, bei den Etüden der Bußfertigkeit, kam es zu erschütternden Szenen. Während die braven Partisanen der DKP mit äußerstem Haß auf Liberale ihren innersten Stalin besiegten, inszenierte das konservative Niveaumilieu den Großen Verdacht. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung machte das Feuilleton zur Kegelbahn. Erst fiel Grass, dann fielen Jens und alle anderen. Schade, daß Heinrich Böll schon tot war. Und als die bundesdeutsche Intelligenz abgefertigt war, konnte die altdeutsche wieder begrüßt werden. Dafür steht eine Urszene, die noch am selben Tag in die Annalen einging: Eine vollständige Redaktion warf sich vor Ernst Jünger in den Staub wie einst der Untertan vor dem Kaiser. Es war ihr Platz an der Sonne. Ernst Jünger, der konservative Revolutionär, wurde hundert. Und Grass schwieg.

War all dies nur ein Scharmützel im Boxring der Gelehrtenrepublik? Oder könnte es sein, daß die Wut auf Jens und Grass eine ganz andere verdeckte? Von heute aus gesehen, sprechen alle Anzeichen dafür. Die Wut der Konkursverwalter auf den Intellektuellen sprühte vor Wut auf die alte Bundesrepublik, ganz so, als wolle man sich von ihren Zumutungen entlasten, vom schweren Gepäck ihrer politischen Moral und den Hypotheken der Vergangenheit. Allerdings, die Tiefensehnsucht nach nationaler Identität kollidierte mit der eingebauten Selbstdistanz der alten Bundesrepublik. Selbstdistanz: das war der programmatische Vorbehalt der Demokratie gegen ihre eigene Praxis, die Moralisierung der Politik im Raum der Öffentlichkeit. Ihr legitimes Wahrzeichen fand sie in jenem Intellektuellen, der legitime Mehrheiten normativ belästigte - als Gewissen nicht nur der Republik, sondern der Nation. Für diese Rolle, die nicht immer von Anmaßung zu unterscheiden war, mußte der BRD-Intellektuelle büßen. Denn mit der deutschen Selbstdistanz, dem Dissens von Geist und Macht, sollte es ein Ende haben.

Nun, wenn mit dem "alten Indianerspiel von Geist und Macht" (Enzensberger) Schluß war - wer durfte den Linksintellektuellen nach dessen Hinscheiden beerben? Welcher Geist sollte auf dem Boden der nationalen Tatsachen einen neuen Anfang machen? Wenn nicht alles täuscht, dann haben sich zwei Denkschulen anheischig gemacht, die alte BRD-Intelligenz zu beerben: der Typus des konservativen und der Typus des postmodernen Intellektuellen. Die eine Denkschule hält es mit Konsens und Kultur; die andere mit Differenz und Zufall. Brüder im Geiste sind sie nicht. Bündnisse schließen sie gern.

Das schönste Leben führt der gewöhnliche Konsensintellektuelle. Naturgemäß konservativ, spielt er den Liebling der Nation. Als selbsternannter Nachfolger des Kritikintellektuellen versteht er sich nicht mehr als Antipode der Politik, sondern als ihr berufener Interpret. Gerechtigkeitsfragen sind für ihn Schnee von gestern. Zur Ungleichheit unterhält er ein entspanntes Verhältnis; Verteilungskonflikte nennt er tragisch, also unlösbar. Diese Tragik nimmt ihn täglich in die Pflicht. Wo die soziale Einheit der Gesellschaft tragisch zerbricht, organisiert er den großen Konsens. Gelassen spannt er den kulturellen Horizont über die Tiefebene der sozialen Konflikte und ihrer flachen Aufklärung. Statt Recht und Gerechtigkeit sagt er Wert und Tugend, Sinn und Stiftung.

Im Schweiße seines Angesichts arbeitet der Konsensintellektuelle im geistigen Raum der Nation. Er denkt nicht politisch, sondern metapolitisch. Nur Kultur, so lautet sein Glaubensbekenntnis, heilt die Wunden des Kapitalismus. Nur tiefempfundene Tradition kompensiert die Modernisierungsschäden der Seele. Aber wie sein ewiger Gegner, der alte BRD-Intellektuelle, glaubt er noch immer an die machthabende Zentralität der Politik in den Grenzen der Nation. Deshalb empfiehlt er sich als erste Fachkraft für geistig-moralische Führung. Er träumt vom Nebenparlament der kulturellen Elite und von der Wiederkehr der Religion in staatlichen Bahnen.