Glaube, Liebe, Hoffnung

Zum Tod des katholischen Philosophen Josef Pieper

In einem kleinen westfälischen Dorf in der Nähe von Münster wurde Josef Pieper geboren, und in Münster verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens.

Bodenständigkeit war seinem Wesen nicht fremd, auch in geistiger Hinsicht nicht: Josef Pieper war, was man früher einen katholischen Philosophen genannt hätte. Und weil er das auch sein wollte, schrieb er seine unzähligen Bücher in einer Sprache, als würde er sich ausschließlich an eine katholische Leserschaft wenden - um dann doch weit über sie hinaus zu gehen. Diese Bücher lebten aus dem Gesagten ebenso wie aus dem Ungesagten, und dann zeigte Pieper mehr als er sagte, und sei es durch Schweigen.

Sein Leben lang hat er Thomas von Aquin seinen "Lehrmeister" genannt aber wer in Pieper einen Thomisten sehen möchte, der würde sich täuschen. Denn oft hat er ihn bloß freundlich benutzt, hat Thomas von Aquin freimütig in Dienst genommen, um den eigenen philosophischen Blick zu schärfen, was offenbar ertragreicher war als bei Sartre, von dem er unbekümmert zehrte, wo immer er es für richtig hielt. Und beinahe anstößig wirkte die Unbescheidenheit, mit der Pieper die Spielregeln der akademischen Zurückhaltung ignorierte. Mit der Unbekümmertheit, wie sie vielleicht nur dem Anfangenden möglich ist, gab er schon 1932 im Titel seiner viel gelesenen Schrift "Die Neuordnung der menschlichen Gesellschaft" die Richtung seines Denkens und das Zentrum seiner Intuition zu erkennen. Eigentlich war es nur ein Kommentar zur Sozialenzyklika "Quadragesimo anno", doch das Buch ging weit darüber hinaus.

Pieper war nämlich der Überzeugung, die sozialrevolutionäre Forderung nach "Entproletarisierung des Proletariats" könne die Menschen nur dann befreien, wenn auch die geistige Haltung überwunden würde, die der totalisierenden Mobilmachung in der modernen Arbeitswelt zugrunde lag.

Nach 1933 folgte bald ein Publikationsverbot, denn Pieper hatte es gewagt, unter Berufung auf einen differenzierten Gerechtigkeitsbegriff gegen den antiliberalen "Umbau der Gesellschaft in eine Gemeinschaft" zu Felde zu ziehen. Und äußerst provokativ hatte er in seiner Schrift "Vom Sinn der Tapferkeit" (1934) an den unbedingten Vorrang der Gerechtigkeit erinnert.

Trotzdem hat er die Ehre, als Oppositioneller zu gelten, niemals für sich in Anspruch genommen. Dietrich Bonhoeffers posthum erschienene "Ethik" dokumentiert vielleicht am eindrucksvollsten die Wirkung, die die Schriften Piepers damals entfaltet haben.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs setzte Pieper sich illusionslos mit den Zwängen der neuen Lebenswelt auseinander, und in "Platons Kampf gegen die Sophistik" wollte er eine unvermutete Aktualität erkennen: eine Kritik der Mediengesellschaft. "Mißbrauch der Sprache bedeutet stets Mißbrauch der Macht". Noch 1953 lautet seine provozierende These "Wir sind alle Proletarier" - solange wir es nicht fertigbringen, zwei Haltungen zu überwinden: die dürftige Selbstbeschränkung auf das bloß Nützliche und einen nur ästhetisch befriedigenden Historismus. Ohne ihre kultischen Wurzel wird "die Muße müßig" - und die Philosophie wird belanglos, wenn sie ihren Bezug auf eine (nicht notwendig christliche) Theologie verliert. Deshalb hat Pieper mit bewundernswürdiger Energie dargelegt, was Tugenden wie Tapferkeit und Maß, Gerechtigkeit und Liebe, aber auch Hoffnung und Glaube als Richtbilder des menschlichen Verhaltens bedeuten - und was sie von ihren täuschendähnlichen Fehlformen unterscheidet. Auch deshalb ist seiner Philosophie jeder geschichtliche Provinzialismus, der in der eigenen Zeit stets die Spitze des menschlichen Fortschritts sieht, fremd geblieben.

Wie Isaiah Berlin erhob Josef Pieper keinen unbedingten Anspruch auf eine eigene und originäre Philosophie. Während Berlin den moderneren Begriff einer eher frei schwebenden, einer negativen Freiheit zu seinem zentralen Thema machte, hielt es Pieper mit dem traditionellen Begriff einer realitätsgebundenen Freiheit. Dabei konnte er immer auf zwei Phänomene verweisen, durch die sowohl die negative wie auch die positive Freiheit pervertiert würden: Anarchie und Totalitarismus. Nun mag der Siegeszug der freien Marktwirtschaft den liberalen Freiheitsbegriff attraktiver machen als den traditionellen. Vielleicht aber tut eine Gesellschaft, die vor allem ihren christlichen Vorstellungen den Rücken kehrt, gut daran, sich mit Josef Pieper darauf zu besinnen, was ihr nicht nur vorausgegangen ist, sondern sie auch ermöglicht hat. Um es mit Hegel und Heidegger zu sagen: Das Gewesene bleibt unser Wesen. - In der vergangenen Woche ist Josef Pieper im Alter von 93 Jahren in Münster gestorben.

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    • Von Fernando Inciarte
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 47/1997
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