Anläßlich des Prozesses gegen Maurice Papon, der angeklagt ist, während des Zweiten Weltkrieges die Deportation jüdischer Kinder aus Frankreich veranlaßt zu haben, interessiert sich die französische Öffentlichkeit auch für Papons "algerische Vergangenheit". Dabei entdeckt Frankreich mit Staunen und Entsetzen eine weithin verdrängte dunkle Seite seiner jüngsten Geschichte: die Polizeimassaker, die während des Algerienkrieges (1954 bis 1962) im Oktober 1961 an Algeriern in Frankreich begangen wurden und die Polizeibrutalität gegen französische Kriegsgegner im Februar 1962, kurz vor Kriegsende.

Auf den Boulevards hat sich eine große Menschenmenge versammelt, Männer und Frauen: algerische Demonstranten. Ein leichter Nieselregen setzt ein, es wird Nacht. Man schlägt den Kragen seines Regenmantels hoch, ballt die Fäuste in den Taschen, hält Ausschau nach dem Gesicht eines Freundes, der noch nicht eingetroffen ist. Auf ein Zeichen der Organisatoren setzt sich der Demonstrationszug langsam in Bewegung. Einer drückt sich an den anderen.

Wovor sollten sie sich fürchten? Mit, entschlossenem Schritt marschieren sie zur Place de l'Opéra, zum Quartier Latin, zum Boulevard St. Germain: algerische Demonstranten, zwanzig-, vielleicht dreißigtausend. Sie kommen ohne Waffen, friedlich. ihre Zahl allein soll ausreichen, Entschlossenheit zu demonstrieren.

Es ist der Abend des 17. Oktober 1961. Die algerischen Demonstranten haben sich über eine zwanzigstündige Ausgangssperre hinweggesetzt, die "Nordafrikanern empfohlen wird". Elf Tage zuvor hatte der Polizeipräfekt von Paris, Maurice Papon, ein Kommuniqué veröffentlicht: "Algerischen Arbeitern wird dringendst geraten, sich nachts zwischen 20.30 Uhr und 5.30 Uhr nicht auf den Straßen von Paris und in der Pariser Banlieue zu bewegen." Im übrigen wurde "sehr eindringlich geraten, einzeln zu gehen, denn kleine Gruppen riskieren, der Polizei verdächtig zu erscheinen".

Heute, aus Anlaß des Papon-Prozesses, blickt man zurück auf diese Zeit, und viele erfahren zum ersten Mal, was damals geschah und lange verdrängt war.

Brutal, so lautet der Vorwurf, waren die Angriffe sowohl der Polizei, die in großer Zahl in Paris zusammengezogen worden war, als auch der Harkis Métropolitains, muslimischer Unterstützungskräfte der Pariser Polizei. Auf der Höhe des Kinos Rex, nicht weit von der Pariser Börse, töten Geschoßsalven aus Maschinenpistolen mehrere Algerier. Auf dem Boulevard Bonne Nouvelle fährt ein Polizeifahrzeug in die Menge hinein - sieben Körper werden weggetragen. Auf der Straße, in den Bahnhöfen und in der Métro werden Razzien organisiert. An der Pont de Neuilly stoppt die Polizei Algerier auf dem Weg nach Hause. Demonstranten werden in die Seine geworfen.

Spätere Zeugenaussagen öffnen den Blick auf das ganze Ausmaß dieser Repression. "Viele Algerier stürzten in die Seine und zogen Mitglieder der CRS , der Compagnie Républicaine de Sécurité, mit sich, an die sie sich geklammert hatten", erzählt Benharrat el Hadj. "Ich sehe wieder einen Landsmann vor mir, der es geschafft hatte, aus dem Fluß zu klettern, nur um von einem CRS-Beamten mit dem Schlagstock den Kiefer und das Schienbein zerschlagen zu bekommen."