Die Leute vom Fernsehen sind ins Haus eingefallen. Als nach rund zwei Stunden endlich die Kameras eingerichtet, die Kabel gelegt, das Licht aufgebaut, Tontische installiert sind, muß Ernst H. Gombrich sich doch wundern, "wieso man zum Mond fliegen kann, aber für eine solche Sache so viel technischer Aufwand betrieben werden muß". Das Wohnzimmer im schmalen, rosenbewachsenen, typisch englischen Reihenhaus im Londoner Vorort Hampstead ist für die Dauer eines Gesprächs in ein Fernsehstudio verwandelt: der große Kunsthistoriker vor der Kamera als ein "Zeuge des Jahrhunderts". Als die Interviewpartnerin, in fernsehgerechtem Make-up, ihm gegenüber Platz nimmt, beugt Gombrich sich ein wenig vor und sagt leise lächelnd zu ihr, daß in seiner Jugend sich nur gewisse Damen - "Na, Sie wissen schon" - geschminkt hätten ...

Seine Jugend: Ernst H. Gombrich, 1909 in Wien geboren, hat das Jahrhundert nun fast ganz durchmessen. In seinem Elternhaus - der Vater war Rechtsanwalt, die Mutter Pianistin - verkehrten berühmte Leute, die Pianisten Edwin Fischer und Arturo Toscanini zum Beispiel und der Geiger Adolf Busch. Der hat das Kind Ernst einmal gepackt und auf einen Schrank gesetzt. Für Gombrich eine frühe, unangenehme Erinnerung: "Ich habe schrecklich geweint." Der Schrank steht noch heute in seinem Wohnzimmer.

Die Mutter, die bei Anton Bruckner in die Harmonielehre ging, kannte Hugo Wolf, war mit Gustav Mahler befreundet, mit Sigmund Freud bekannt. Mit Arnold Schönberg, der Cello spielte, musizierte sie am Konservatorium. Aber, weiß der Sohn noch, "sie empfand, daß er nicht sehr gut den Takt hielt", deshalb habe ihr das Musizieren mit ihm keinen Spaß gemacht.

Auch Ernst H. Gombrich hat Cellospielen gelernt. Die Musik ist bis heute für ihn ein Lebenselement. Daß er in der Schule immer der Beste war - "ich kann's leider nicht leugnen, außer im Turnen". So hat er sich meist ungeheuer gelangweilt und in den Stunden heimlich Gedichte geschrieben. Die hat er alle noch. Fühlte er, ein Überflieger und stets als "Vorbild" hingestellt, sich als Außenseiter? "Man wird nicht sehr populär damit", sagt er.

Er studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft. Die Wiener Schule der Kunstgeschichte, bis heute ein Begriff, war eine Schule gegen "das schöngeistige Reden", gegen das "Kunstgeschwätz", für Klarheit, Rationalität und Exaktheit des Denkens und Redens. Die Kunstgeschichte als exakte Wissenschaft? Nein, Wissenschaft beruhe ja auf dem Experiment, das wiederholbar und überprüfbar sei. "Aber ich kann ja nicht zu Leonardo gehen und sagen, mal mir das noch einmal." Um so mehr solle man sich, jenseits von überprüfbarer Erkenntnis, hüten vor "feierlichem Herumgerede" oder, wie es sein Freund und Kollege Willibald Sauerländer genannt habe, dem "Munkeln".

Über sich sagt Gombrich, der "begeisterte Aufklärer": "Ich bin Rationalist und möchte es bleiben bis ans Lebensende." Aber, bitte, kein Mißverständnis: "Kein vernünftiger Rationalist leugnet, daß es Dinge gibt, die wir nicht wissen, die geheimnisvoll sind. Unter anderem: die große Kunst." Da hält er es mit Goethe, der davon gesprochen hat, daß ein echtes Kunstwerk wie ein Naturwerk für den Verstand immer unendlich bleibe. Deshalb kennt auch Gombrich, der wie kaum ein anderer Kunsthistoriker dieses Jahrhunderts zum Verständnis von Kunst, zur Entzifferung von Kunstwerken beigetragen hat, das Schweigen vor dem Geheimnis, die Ehrfurcht vor Dimensionen, die sich der Diskussion entziehen, vor der Meisterschaft eines Leonardo oder eines Johann Sebastian Bach. Aufklärung und Andacht sind für ihn keine Gegensätze. Er betont das, weil er sich da so oft fehlinterpretiert sieht.

1935 ging er nach London. Das war Flucht vor der Arbeitslosigkeit wie vor dem Antisemitismus in Wien. Schon an der Universität hatte er wüste Krawalle erlebt. Und die Enttäuschung, daß kein Lehrer aktiv dagegen vorgegangen war.