"Wo geht's denn hier zum Schloß?"

Zweihundert Jahre war Neustrelitz eine der beiden Hauptstädte Mecklenburgs, seit sechzig Jahren ist es Provinz von Ralph Bollmann

Eigentlich ein hübscher Anblick: Zwei zusammenstrebende Alleen vermitteln den Eindruck von Weite, ihr Ende bekrönt ein Rundtempel, dahinter ruht der See. In der Mitte der Szenerie schwingt die Göttin Nike ihren Siegeslorbeer, davor plätschern zwei Brunnen, zwei griechische Knaben umarmen sich.

Doch der Standpunkt, auf den die malerische Wirkung dieser Parkanlage ausgerichtet ist, zeigt sich wüst und leer. Der Betrachter steht auf einem Schotterfeld. Daneben hegt ein Zaun die Reste von Fundamenten ein, aus denen Unkraut sprießt. Suchenden Schritts und fragenden Blicks nähern sich Ausflügler. "Kennen Sie sich hier aus? Wo geht's denn hier zum Schloß?"

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Die Besucher kommen mehr als fünfzig Jahre zu spät: In der Nacht vom 30.

April auf den 1. Mai 1945 brannte das Neustrelitzer Schloß unter ungeklärten Umständen ab, die Überreste wurden bis Mitte der fünfziger Jahre abgetragen.

Seit der Wende gibt es Streit, was mit der Fläche geschehen soll.

Dennoch drängt es den Besucher zuerst an diesen leeren Ort, weil von ihm alles ausging, was Neustrelitz aus der Tristesse eines 25 000-Einwohner-Städtchens in nordostdeutscher Provinz heraushebt. 1731 ließ sich Herzog Adolf Friedrich III. von Mecklenburg-Strelitz an dieser Stelle ein älteres Jagdschloß zur Residenz ausbauen, nachdem sein Schloß im heutigen Strelitz-Alt, rund fünf Kilometer entfernt, in Flammen aufgegangen war.

Dreißig Jahre zuvor hatte die letzte dynastische Teilung Mecklenburgs das Territorium hervorgebracht. Weil sich indes eine Residenz inmitten von Wäldern und Sümpfen als unpraktisch erwies, gründete der Herzog 1733 die letzte barocke Planstadt Deutschlands: Neustrelitz.

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