I.

Wenn einmal die Geschichte des Begriffs der Globalisierung geschrieben wird, könnte man sie mit dem 20. Juli 1969 beginnen lassen. An diesem Tag setzte der erste Mensch seine plumpen, in seinen Raumanzug wohlverpackten Füße auf den Mond. Neil Armstrong sah, was wir Zurückgebliebenen eher noch klarer auf unseren Fernsehschirmen betrachten konnten: die Erde, also unsere Welt, als ganze, als Globus mit vertrauten Strukturen, aber aus unvertrauter Perspektive. Der andere Himmelskörper, von dem dieser Anblick sich ergab, machte die Einheit unseres so vielfältigen, ja in nahezu jeder Hinsicht uneinheitlichen Planeten sichtbar.

In den siebziger Jahren folgte dem Bild die Statistik. Der berühmt gewordene Bericht an den Club of Rome von Dennis Meadows zeigte die "Grenzen des Wachstums" an Hand von globalen Berechnungen auf. Das hatte schon Malthus auf seine Weise getan; doch weckte der Club-of-Rome-Bericht trotz seiner zahlreichen Schwächen bei vielen das Bewußtsein der Endlichkeit einer Ressource, die wir immerfort nur zerstören: der Luft zum Atmen. Die menschliche Lebensumwelt auf dieser Erde ist für alle ein und dieselbe. Wie das Ende der Dinosaurier vor Äonen könnte eines Tages das Ende der Menschheit kommen.

Ganz neu war das 1972 nicht mehr. Die Diskussion um Atomwaffen hatte das Schreckgespenst der Selbstzerstörung schon früher beschworen. Nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl wurde die Angst zum ersten Mal konkret. Wie soll man es verstehen, daß ein Unfall in der Ukraine das Rentier von Lappland und das Gemüse von Frankreich ungenießbar macht?

Die Information über solche Ereignisse war schon seit einiger Zeit nahezu weltweit verfügbar (wenngleich noch Anfang der siebziger Jahre weite Teile Asiens kein Fernsehen besaßen). Erst die Informationsrevolution machte indes die gesamte bewohnte Welt zum realen (oder doch zum virtuellen?) Raum. Der Weg vom Telephon über den Computer zum Internet beseitigte Grenzen wie keine technische Entwicklung zuvor.

Damit wurden konkrete wirtschaftliche Auswirkungen der Globalisierung erkennbar. Die Finanzmärkte erfuhren diese zuerst. Manche erinnern sich noch an eine Zeit, in der die City of London gegen zehn Uhr morgens zum Leben erwachte, für ihre privilegierten Bürger um halb ein Uhr mit einem Sherry der ausgedehnte Lunch begann, man um drei Uhr noch einmal auf die Ticker guckte, um die ersten Börsenzahlen der Wall Street zu sehen, und dann zum Golfspielen aufs Land fuhr. Heute wacht die City 24 Stunden am Tag; zum Sandwich-Lunch mit Mineralwasser bleiben gerade zwanzig Minuten; wer um neun Uhr abends nach Hause fährt, kann schon im Pendlerzug um sechs Uhr am nächsten Morgen in der Financial Times ein neues Bild der Aktien- und Wechselkurse sehen.