Verlockung der verbotenen InselSeite 2/2
Archi Nova, versichert Geschäftsführer Gerd Hansen, will auf Wustrow "keinen ökologischen Kulttourismus", wohl aber ein für die Ostsee bisher einmaliges Projekt, bei dem der Wunsch nach Urlaub mit der Erhaltung der Natur harmonieren soll. Statt Golfplatz Landwerkstätten, statt Spaßbad Ostseedünen, statt Kiwis Produkte aus ökologischem Landbau. Geschlossene Kreisläufe sollen die Regel sein: Die Bewohner arbeiten auf der Insel und erzeugen oder entsorgen soviel wie möglich an Ort und Stelle. Streng naturnah solle gebaut und saniert werden, Autos möglichst draußen bleiben. Und die Abwässer sollen nicht ins dreizehn Kilometer entfernte Kröpeliner Klärwerk gepumpt, sondern an Ort und Stelle mit Schilf biologisch gereinigt werden. Doch an der Nehrung liegen schon die Rohre, der Abwasserverband hat Wustrow längst als Großkunden eingeplant.
Völlig ausgereift ist noch keines der beiden Projekte. Ein Problem ist der Autoverkehr. "Wir denken jetzt an eine Brücke über das Haff, weil ein Damm durch das Naturschutzgebiet verworfen wurde", sagt Fundus-Projektchef Klaus Wahrlich. Was das riesige Bauwerk kosten würde, hat er noch nicht ausgerechnet, aber schließlich gehe es ohnehin um 300 Millionen Mark Gesamtkosten. Die Häuser, die jetzt schon über 4000 Mark je Quadratmeter kosten sollen, könnte das jedoch weiter verteuern.
Auf Wustrow selbst setzt der Jahreslauf, von alldem unbeeindruckt, seine Zeichen. Jetzt kommen weniger Besucher zu den Führungen auf das verbotene Gelände, die mit fünf Mark je Person und mehreren zehntausend Neugierigen ein richtiger kleiner Etatposten im Stadthaushalt waren. An den Straßenschildern blättert die Farbe, doch die Häuser sind fast makellos weiß - ein überraschender Kontrast zum Graugrün russischer Kasernen. Selbst die meisten Scheiben sind noch heil, Wustrow ist schwer zugänglich für Plünderer.
"Dahinten", sagt Klaus Pfeiler und läßt seinen Arm im weiten Rund kreisen, "beginnt das Naturschutzgebiet, unser wohl größter Reichtum." Der Biologe kennt die Halbinsel genau, er durfte schon Mitte der achtziger Jahre einige Male bis an den Rand der Panzerstellungen. "Nach 1990 war ich dann regelmäßig hier, auch auf dem bis dahin völlig vergessenen Ostteil mit seinen Resten von Salzwiesen, wo mindestens neunzig Vogelarten brüten", berichtet Pfeiler.
Schnell kommt er ins Schwärmen, zählt den Austernfischer, Sandregenpfeifer oder die Rohrammer auf und berichtet von den kleinen Tümpeln, die die Eiszeit hier hinterlassen hat.
Pfeiler weiß auch um ein Problem, das beiden Investoren noch immer Sorgen bereitet. Fast sechzig Jahre schossen hier Flakgeschütze, auch wenn stets seewärts gefeuert wurde. Immerhin, so berichten Einheimische, hätte einmal eine Granate in ein am Ortsrand parkendes Fahrzeug eingeschlagen, zum Glück, ohne zu detonieren. "Wir müssen jeden Hektar beräumen lassen und rechnen mit Kosten von mindestens zwölf Millionen Mark", wissen die Leute von Fundus.
"Nur wenn wir ganz sicher sind, daß hier keine Granaten mehr im Sand liegen, können wir auch Kinder auf die Insel lassen", meint der Projektchef. Und so schlummert unter der friedlichen Mecklenburger Landschaft noch immer eine unbekannte Menge Zündstoff. Bis er geborgen ist, werden noch des öfteren die Wellen hochschlagen.
- Datum 21.11.1997 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 48/1997
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