Die Dankrede zum Lessing-PreisSeite 5/5

Im "Nathan" sehen wir Größe und Grenzen des Mitleids in der Szene, wo Nathan seine Erinnerungen dem Klosterbruder mitteilt. "Allgerechter!" sagt dieser und: "Ach! Ich glaubs Euch wohl!", als Nathan über den "unversöhnlichsten Haß" spricht, den er dem Christentum damals zugeschworen habe. Kein Erschrecken, reine Empathie. Der Klosterbruder ist in diesem Augenblick Nathan näher als sich selbst.

Ebenso hört man Nathan immer gegen die leere Allgemeinheit einer Maximenethik angehen. Das ist keine Lebensklugheit, keine Gewitzt- oder Gewetztheit, sondern Ausdruck einer Sorge um die Welt, die aus dem Wissen um ihre Fragilität kommt. Und aus dem Wissen, wieviel Destruktivität aus unterkomplexem Denken und Fühlen kommt. Sorge um die Welt, nicht weil sie liebenswert sei, sondern weil Nathan - zu Gath - einen Blick in die Hölle getan hat. Was Lessing aus dem Schmerz um Frau und Kind, einer Lebenskatastrophe, deren Ausmaß wir daran erkennen können, daß ihm danach nur noch der "Nathan" wirklich gelang, empathisch zugänglich war, lesen wir und können es mit Recht historisch rückprojizieren aus den Lebensgeschichten Überlebender. Was für Nathan, nach Lessings Konzept, nur im privatesten Gespräch seinen Ort hatte, steht heute in der Öffentlichkeit, nicht als Widerlegung, sondern als vexierbildhafte Bestätigung, zu der die Geschichte nötigte. "Wir (haben) gelernt", schreibt Primo Levi, "daß unsere Persönlichkeit zerbrechlich ist, daß sie weit mehr in Gefahr ist als unser Leben. Könnte aus unserem Lager eine Botschaft hinausdringen zu den freien Menschen, so lautete sie: Sorget, daß euch in euerm Heim nicht geschehe, was uns hier geschieht!" Diese Sorge ist das offenbare Geheimnis der Weisheit und scheinbaren Güte Nathans.

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Sie zeigt sich in der Unermüdlichkeit, in der der zwar Reiche, aber doch reichlich Machtarme im Reden Einfluß zu gewinnen sucht mit dem einzigen Ziel, die Potentiale an Destruktivität um ihn herum zu neutralisieren. Das beginnt mit der Exposition, in der das phrasenhafte Geplapper der christlichen Hausangestellten und Blockwartsnatur Daja durch sein Reden aufgenommen und neutralisiert wird. Gestehen wir es ruhig: Nathan schwatzt. Hier, wo er nicht überredet, durch Reden für sich gewinnt, im Reden die kommunikativen Regeln verändert, die Zumutungen der anderen unmerklich virtuos zurückgibt, durch Affirmationen lenkt, schiebt, an der Nase führt, dort, wo er dem leeren Geschwätz begegnet, schwatzt auch er und, wissend, was kommt - Bericht vom Brand, rückstürzende Erinnerung und dann folgende Erpressung -, wissen wir, warum: um das, was kommt, vielleicht nicht kommen muß, doch kommen kann, aufzuhalten, wenigstens eine halbe Minute noch.

Man hat der Aufklärung oft eine gewisse Geschwätzigkeit nachgesagt, ihr Settembrinihaftes ihr vorgehalten. Man kann es auch Lessing abhören. Im "Nathan" läßt er ihn redend und nur redend gewinnen - doch am Schluß schweigen. Dieses Schweigen, dieser Moment, an dem Nathans Rede nicht mehr gebraucht wird, und mit ihr er nicht mehr, dieser Schluß, dramentechnisch scheinbar ein Happy-End, mag ein Ort sein, an dem die Aufklärung sehen läßt, wie sehr sie zuweilen ihres so trostlosen wie angsterfüllten Selbstauftrages müde ist, den Weltlauf durch Filibustern aufzuhalten.

 
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