Johannesburg

Als Albertina Sisulu durch die Glastür des Gemeindezentrums von Mayfair tritt, hört man nur noch das leise Schnurren der regierungsblauen Limousine, in die sie gleich einsteigen wird. Alle Gespräche sind verstummt. "She has fucked it all up", raunt jemand. Sie hat alles kaputtgemacht.

"Mama" Sisulu, eine der altehrwürdigen Frauen des Widerstands, hat soeben vor der Wahrheitskommission ausgesagt, vor jenem Gremium, das die Verbrechen während der Apartheidjahre aufklären soll. In diesen Tagen steht der Terror einer Schlägerbande aus Soweto auf der Agenda. In Wirklichkeit aber geht es um die Verstrickungen von Winnie Madikizela-Mandela, der Ikone des schwarzen Befreiungskampfes gegen das weiße Regime. Sie wird mit dem Tod von dreizehn Personen in Verbindung gebracht. Man wirft ihr Mord und Beihilfe zum Mord vor. Albertina Sisulu, einst Präsidentin der Massenbewegung United Democratic Front, hätte ein Alibi der Volksheldin erschüttern können. Doch aus unerklärlichen Gründen ist ihr vollständig entfallen, was sie unlängst in einer Fernsehdokumentation zu Protokoll gegeben hatte. Sie habe "ihr Bestes gegeben, sowenig wie möglich zu sagen", meint ein verärgertes Mitglied der Kommission.

Seit dem denkwürdigen Schuldspruch im Mai 1991 bestehen an der kriminellen Energie von Winnie Mandela keine Zweifel mehr. Seinerzeit verurteilte ein Strafgericht die Exfrau von Nelson Mandela wegen Entführung und Beihilfe zur Körperverletzung zu sechs Jahren Haft. Stompie Seipei, ein junger, widerspenstiger Aktivist, den Winnie und ihre als Fußballclub getarnte Leibwächtertruppe als Polizeispitzel verdächtigt hatten, war Ende 1988 im Gewahrsam der Bürgerrechtlerin brutal mißhandelt und umgebracht worden. Über Winnies wirkliche Rolle bei diesem Mord wird bis heute spekuliert. Schon damals, im Mai 1991, befand der Richter, sie sei eine "schamlose Lügnerin".

Die Geister, die sie einst rief, suchen sie nun selber heim. Vorige Woche trat ein Zeuge vor die Wahrheitskommission, der jahrelang verschwunden gewesen war: Er heißt Katiza Cebekhulu, gehörte einst zu Winnies Prätorianergarde und behauptet, nibelungentreue Parteisoldaten des ANC hätten ihn 1991 in ein Gefängnis in Sambia verschleppt - offenbar um zu verhindern, daß er die Genossin Winnie beim damaligen Prozeß belaste. Zweimal läßt Cebekhulu seinen Kugelschreiber auf den Tisch sausen. Genau so, sagt er, habe Winnie "mit einer Schere oder einem Messer" auf den wehrlosen Stompie eingestochen. Die Beschuldigte rückt ihre mit funkelndem Straß besetzte Brille zurecht und läßt die Anwürfe gelassen abprallen. Denn für das Verbrechen muß ein ganz anderer mit lebenslänglicher Haft büßen: Jerry Richardson, der "Trainer" des Mandela United Football Club. Winnies Strafe von sechs Jahren war hingegen auf die Zahlung von barmherzigen 8000 Mark abgemildert worden.

Damit war die Sache vorerst erledigt, und der zweite Aufstieg der Winnie Mandela konnte beginnen. Sie wurde ins Parlament gewählt und bekleidete das Amt einer Vizeministerin. Sie führt das üppige Leben einer Diva, fordert die Todesstrafe und wirft der Regierung ihres Exmannes vor, nichts für das Millionenheer der Armen im Lande zu tun. Im Mai wurde die instinktsichere Populistin zur Chefin der mächtigen ANC-Frauenliga gekürt. Nun greift sie sogar nach der Vizepräsidentschaft des ANC - und ihre Chancen stehen nicht schlecht, wenn sie den Spießrutenlauf vor der Wahrheitskommission unbeschadet übersteht.

Gut die Hälfte der 42 geladenen Personen trat in der ersten Anhörungswoche auf: wohlhabende Funktionäre des ANC und arme Teufel, die in Ketten aus ihren Gefängniszellen geführt wurden, verstörte Kirchenleute und vergeßliche Expolizisten, Opfer und Täter der Apartheid. Man hörte Zeugen, denen die Stimme brach. Man erkannte Angehörige, die in stummer Verzweiflung im Publikum saßen. Man sah Erzbischof Desmond Tutu, den Vorsitzenden der Kommission, weinen. Und mittendrin thronte Winnie Madikizela-Mandela, behangen mit glitzerndem Goldschmuck, gepanzert mit Arroganz und Kälte, jeden Morgen in einem neuen Designer-Kostüm, jeden Tag in einer anderen Rolle: Rachegöttin oder Unschuldslamm, Bettlerkönigin oder Politstar, Jeanne d'Arc oder Evita, je nach Bedarf. Und ringsum die Presse: "Winnie-Gate" löste den größten Medienrummel seit den ersten freien Wahlen anno 1994 aus. Die Welt will den Freiheitsengel aus der Höhe, in die er einst gehoben wurde, stürzen sehen.