Gruß aus Ratzeburg

Die älteste Schülerzeitung Deutschlands will die Provinz beleben von Stephanie Dressler

Im Hintergrund taumeln kleine chinesische Schriftzeichen in der Mitte sieht man Hühner auf der Flucht um die Illustration fließt sanft der Text von Katja Bombeck über die Tamagotchi-Plage: Wenn Leif mit dem pagemaker das Layout für den neuen Insulaner durchstylt, bleibt nichts dem Zufall überlassen. Zeichnungen, Photos, icons werden eingescannt und herumgeschoben.

Leif Kramp und Johann Rhenius sitzen an der Jubiläumsausgabe von Deutschlands ältester Schülerzeitung, dem 65jährigen Insulaner. Während wir uns eine Portion Pommes teilen, schiebt sich aus dem Laserdrucker Seite für Seite, und das Blatt sieht nicht nach Rentenalter aus.

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Die professionelle technische Ausstattung des Insu, wie ihn Eingeweihte zärtlich nennen, würde manchem Büro zur Ehre gereichen. Nur teilweise gehört sie der Schule. Ein Computerhändler stiftete den PC, und das Programm wurde Schülerzeitungen zum Spottpreis angeboten - nur wenige haben sich dafür interessiert, wie Leif erstaunt anmerkt. Denn die Zeitung soll doch nach was aussehen, sonst kauft sie keiner, sagt der Chefredakteur.

Als wir gemeinsam mit den vier anderen Redaktionsmitgliedern, Katja, Alexander, Jessica und Christian, den kleinen Raum im Oberstufenhaus der Lauenburgischen Gelehrtenschule betreten, haben die Angestellten des gegenüberliegenden Finanzamts offenbar Grund zu feiern. Gerade sind die Würstchen auf den Grill geworfen, Schlagermusik dröhnt herüber. Kein Wunder, daß Katja was gegen die Tamagotchi-Küken hat: Ein neben der Schule liegender Hühnerhof untermalt die idyllische Szenerie mit ohrenbetäubendem Gegacker.

Der Insulaner, so betonen die Redakteure, ist keine Zeitung der Schule, sondern eine Zeitung an der Schule: Einen Beratungslehrer oder gar eine Genehmigung der Ausgaben gibt es nicht.

Das war nicht immer so.

Als 1932 erstmals eine Zeitung der altehrwürdigen Lauenburgischen Gelehrtenschule erschien, trug sie den bildungsbürgerlich-umständlichen Titel Ratzeburgensis Ratzeburgensem Salutat (Der Ratzeburger grüßt den Ratzeburger). Der Gruß war vor allem den Ehemaligen zugerufen, für die das Blatt auch als Mitteilungsorgan fungierte. Im Ratzeburger kamen Schüler neben Lehrern und Alten Herren zu Wort (Damen gab es nur wenige). Berichte von Schulfahrten standen später neben solchen von der Front. Wer wissen will, wie die deutsche Provinz 1933 ff. dachte, findet hier Anschauungsmaterial ohne Überraschungen: Ein ehemaliger Schüler machte in der Marine Karriere, starb, man benannte ein Schiff nach ihm. Jubel in der Schülerzeitung, ebenso wie bei der "Befreiung Sudetendeutschlands" 1938.

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