Spaßhaß
Die Experten waren sich nicht einig darüber, ob der Mensch gut ist oder böse, darum haben sie vor einigen Jahrzehnten ein Experiment gemacht. Sie sperrten ein paar Kleinkinder in einen Raum mit Spielzeug, um zu sehen, ob die Kinder sich friedlich einigen würden, doch die Kinder stritten sich um ihre Plastikautos, und das Ergebnis bestätigte nur die Theorien von Charles Darwin: Unter Lebewesen geht's nicht um Moral, sondern um die Durchsetzung des Stärksten.
Beavis und Butthead, die Comicfiguren des amerikanischen Zeichners Mike Judge, gab es damals noch nicht, das ist ein Segen für die Experimente der Soziologen, denn hätten sie die beiden mit in den Raum gesperrt, hätten Beavis und Butthead das Spielzeug zuerst geklaut, dann hätten sie es mit den Füßen zertreten und angezündet, und am Ende wäre das ganze Zimmer mitsamt den Kleinkindern ausgebrannt. Weder Reue noch Trauer hätten Beavis und Butthead den Psychoanalytikern danach gezeigt, denn der Trotz vor aller Moral war immer ihre Haupteigenschaft, seit die Serie seit Anfang der neunziger Jahre jeden Freitag auf MTV lief - der Spaß bestimmt das Spiel, und der Spaß ist am größten, wenn er grausam ist und den Schwächeren trifft.
Beavis und Butthead, das waren zwei häßliche Jungs, die von Mädchen keine Ahnung hatten und ihre Zeit damit verbrachten, auf einer Couch zu sitzen und sich Musikvideos anzusehen - zwischendurch bliesen sie Frösche auf, teerten und federten den Sohn ihres Nachbarn, mischten Kakerlaken und tote Mäuse in die Cheeseburger des Restaurants "Burger World" und belästigten kleine Mädchen mit perversen Anrufen.
Das ist nun vorbei, die Serie wurde eingestellt, da die Einschaltquoten nicht mehr so gut waren. Außer der Serie "Die Simpsons" gibt es im Fernsehen nun keinen Comic mehr, der den Haß der Amerikaner auf sich zieht - denn Beavis und Butthead waren die letzten Subversiven in der Welt der politischen Korrektheit, ihr Haß und ihre Verachtung waren überall: Sie machten sich lustig über Hippies, Bauern, Schwule, Lesben, Vietnamveteranen, Lehrer, Eltern, Schüler und Automechaniker. Als die Jugendlichen des Landes anfingen, die Späße der beiden Figuren nachzumachen, forderten Pädagogen und Elternverbände das Verbot der Serie - die Moral des Landes stünde auf dem Spiel, wenn zwei ungebildete Nichtsnutze das System unterliefen und mit jeder Grausamkeit davonkämen.
Die Tugend und die Erziehung des Menschen nach den Grundsätzen der Gesellschaft - von diesen Dingen wußten Beavis und Butthead nicht viel, das ist klar, doch dumm waren sie nicht, denn wenn es stimmt, daß erst Urteil und Geschmack den Menschen zum Individuum machen, dann waren Beavis und Butthead zwei Weise. Ihre Kunst war die Kunst des Weglassens: Mode und Stil waren ihnen egal, sie trugen immer die gleichen T-Shirts ihr Wortschatz war reduziert auf das Nötigste, und die Äußerungen der beiden zu den Musikvideos, die sie sich ansahen, übertrafen in Klarheit und Schärfe oft die Kritik von Marcel Reich-Ranicki im "Literarischen Quartett". Beavis und Butthead, so muß das gesehen werden, waren die Feinde des Konsums, sie taten stets das Unerwartete und ließen sich nicht verarschen - die Welt will das Geld, wußten sie, und wenn die Welt nur das Geld will, warum soll die Welt dann nicht ein bißchen daran leiden, wenn sie für 4,95 Dollar kein hundertprozentiges Rindfleisch zwischen zwei Brötchenhälften bekommt, sondern nur ein paar gebratene Heuschrecken und eine halbe tote Maus?
In der letzten Folge der Serie brennen Beavis und Butthead während der Arbeit das Restaurant "Burger World" nieder, den Hohen Tempel des amerikanischen Kapitalismus, und der Philosoph Albert Camus, ebenfalls ein Meister der Klarsicht, hätte den beiden die Hände geschüttelt und ihnen gratuliert, denn Beavis und Butthead waren zwei Menschen in der Revolte.
- Datum 05.12.1997 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 50/1997
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