Neudeutsche Kurzsprache oder: Wie man mit vier Sätzen immer auf den Punkt kommt
Alles klar?
Wie viele Wörter braucht der Mensch, um sich verständlich zu machen oder, was womöglich schwerer wiegt, nicht mißverstanden zu werden? "Habe ich mich unmißverständlich ausgedrückt?" pflegt barsch zu fragen, wer sich der Wirkung seiner Formulierungskünste versichern will.
Die Kommunikationsforschung hat längst erkannt, daß jedes Individuum, jeder Sender seine Meldungen, bewußt oder unbewußt, kodiert, weshalb der Empfänger sie dekodieren muß, um sie aufnehmen, interpretieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen zu können. Am Massachusetts Institute of Technology hat Harold D. Lasswell bereits 1948 die treffende Formel entwickelt: "Who Says What In Which Channel To Whom?" - wer sagt was wie zu wem? Oder, in der klaren Sprache der Wissenschaft: "Welcher Kommunikator sendet welche Nachricht über welches Medium an den Rezipienten?"
Für die Forschung liegt hier noch immer ein weites Feld. Meinen persönlichen Bemühungen, das Phänomen zu durchdringen, kam im vergangenen Sommer der Zufall zu Hilfe - in Gestalt eines seit Jahren in unserm Lande tätigen Kurden, der sich erbot, mir bei der Gartenarbeit unter die Arme zu greifen. Der Mann aus dem wilden Kurdistan war einst dem Ruf deutscher Werber gefolgt, die nach billigen Arbeitskräften Ausschau hielten. Er hat sich als äußerst hilfsbereit und tüchtig erwiesen, wofür ich ihm Dank schulde. Niemals hat er mich seine Überlegenheit spüren lassen, eine Überlegenheit, die sich auf seine früh ausgeprägte praktische Intelligenz und zupackende Tatkraft gründet.
Bei unserer gemeinsamen Gartenarbeit entwickelte sich eine spezielle Art der Verständigung. Es zeigte sich bald, daß der Freund aus Anatolien nicht mehr als vier Kurzsätze braucht, um alles, was ihn und mich bewegt, auf den Punkt zu bringen. Je nach Stimmung läßt sich zwar der Ton der Botschaft noch modulieren, aber das wirklich Wichtige kommt immer schnell und bündig rüber. Mißverständnisse sind ausgeschlossen.
Die vier festen Formeln, die sich mein Helfer in harten deutschen Arbeitsjahren zu eigen gemacht hat und die sich täglich aufs neue bewähren, lauten: "Alles klar!", "Kein Problem!", "Jede Menge!" und "Kannste vergessen!"
Um die Eignung dieser Floskeln aus unserer werktäglichen Signalsprache zu demonstrieren, seien hier einige Beispiele aus dem praktischen Leben angeführt:
"Wir müssen dringend den Kompost umschichten. Wollen wir das als erstes machen?" Antwort: "Alles klar!" - "Der Rhododendron muß versetzt werden. Kriegen wir ihn da noch unter die Birke?" Antwort: "Kein Problem!" - "Haben wir denn noch genug Torfmull?" Antwort: "Jede Menge!" - "Der Schaufelstiel ist brüchig. Geht's heute wohl noch mal?" Antwort: "Kannste vergessen!"
- Datum 05.12.1997 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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