Sie haben Mörtel über die Einschußlöcher in den Säulen geschmiert und mit Sandstrahlern die vertrockneten Blutflecken auf dem Steinboden weggesprüht. Knapp zwei Wochen nach dem Massaker im Tempel der Hatschepsut erinnert nichts mehr daran, daß hier über sechzig Menschen niedergemacht wurden. Aber es ist still an diesem Ort, beängstigend still.

Wo sonst Hunderte von Touristen die 3500 Jahre alten Monumente besuchen, ist nur noch eine kleine Gruppe zu sehen. Ihr ägyptischer Führer spricht von Königin Hatschepsut, von Göttern und Pharaonen, doch der Schrecken läßt sich nicht zerreden an diesem Ort. "Man kann ihn allenfalls ein wenig verdrängen", sagt ein älteres Paar aus Österreich. Sie waren unterwegs auf einem Nilschiff und hatten die Nachricht vom Massaker in Luxor erst mit zwei Tagen Verspätung erhalten: Die ägyptische Reiseleitung hatte das Blutbad gegenüber ihren Kunden verschwiegen. Zwei Tage lang wurde die ahnungslose Gruppe durch oberägyptische Tempel geführt. Als sich am dritten Tag nichts mehr verheimlichen ließ, wollten die Österreicher abreisen. "Doch die Reiseleitung teilte der Chartergesellschaft einfach mit, wir wollten bleiben", sagt Anne Kronig aus Villach, "dabei wurden wir niemals gefragt."

So sind sie also in Luxor gestrandet, einer Stadt, in der über 300 000 Ägypter auf Gedeih und Verderb vom Tourismusgeschäft abhängig sind, einer Stadt, die vor dem Ruin steht. Leere Hotelhallen, geschlossene Souvenirläden, an der palmengesäumten Uferpromenade entlang des Nils warten Pferdekutscher vergeblich auf Kundschaft. Fast achtzig Prozent der Touristen haben in den vergangenen Tagen Luxor verlassen. Die schätzungsweise tausend Touristen, die hier noch unterwegs sind, wirken wie das letzte Aufgebot im Ägyptentourismus. Nur noch ein Dutzend Neuankömmlinge zählen die Taxifahrer am internationalen Flughafen von Luxor, demnächst wird kein europäisches Flugzeug mehr kommen, erklären die Hoteliers.

Die Alabaster- und Papyrusverkäufer, die Bazaris und Reiseführer, sie alle sitzen schon jetzt in leeren Geschäften, rühren in Teetassen und kochen vor Wut. "Wir, die einfachen Leute, sind doch als erste vom Exodus der Touristen betroffen", sagt Hamdi az-Zayyid, "nicht die großen Investoren, die können das finanziell überleben." Der Besitzer einer kleinen Alabasterwerkstatt hat seine zehn Mitarbeiter vor wenigen Tagen nach Hause geschickt. "Wir haben keine Arbeit mehr. Was wir haben, ist Angst vor der Zukunft." Und ein anderer knirscht seinen Zorn durch die Zähne: "Die Terroristen behaupten, sie seien Muslime. Dabei sind sie nur niederträchtige Verbrecher. Wenn einer von denen nach Luxor käme, das Volk würde ihn erschlagen."

Das Volk von Luxor. Tausende sind am Wochenende nach dem Massaker hoch zum Tempel der Hatschepsut gezogen, die Jungen zu Fuß, die Alten auf Kamelen und Eseln. "Es gibt keinen Gott außer Gott", riefen sie und: "Die Terroristen sind Gottesfeinde." Vor dem Tempel der Hatschepsut legten sie Blumengebinde nieder, Palmenzweige und roten Oleander. Während die Einwohner trauern und protestieren, zeigt die Staatsmacht Präsenz. Jetzt - mit einem Mal - sind sie da: Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten, die unter ihren Bleiwesten schwitzen, zivile Limousinen des Staatssicherheitsdienstes, gepanzerte Wagen. Sie patrouillieren auf der palmengesäumten Nilpromenade, sie überwachen die Ein- und Ausfahrten der Stadt, die Kreuzungen, die Wüstenwege und die pharaonischen Tempel. Doch eigentlich gibt es nicht mehr viel zu bewachen. In der vom Terror geschlagenen Stadt sind mehr Sicherheitskräfte als Ausländer zu sehen.

Am Morgen des 17. November wurden sämtliche Monumente von Luxor gerade mal von 35 Beamten der lokalen Touristenpolizei überwacht. Als das sechsköpfige Killerkommando der islamistischen Terrorbande Gama'at al-Islamiyya nach dem Massaker in die Bergwüste floh, wurden sie nicht von Polizisten, sondern von unbewaffneten Zivilisten verfolgt. Über 300 Männer und Frauen aus den Dörfern bei Luxor jagten das Terrorkommando, zu Fuß, auf Motorrädern, mit klapprigen Autos. "Die Terroristen schossen auf uns", berichtet der Restaurantbesitzer Sayyed Abu Dayf, "als dann endlich die Polizei kam, haben wir ihr die Höhle gezeigt, in der sich sechs Attentäter verbargen."

Das totale Versagen der Sicherheitskräfte hat Ägyptens Regierung nun dazu gebracht, ein neues Sicherheitskonzept zu entwerfen: Mehr Präsenz und Kontrollen rund um die Tempelanlagen, mehr Kooperation zwischen Polizei und Armee - das alles soll die Sicherheit in Ägypten erhöhen. Doch der Aktionsplan scheint den Einwohnern Luxors nicht zu genügen. Mit Unterstützung einiger Abgeordneter im ägyptischen Parlament fordern sie nun Waffen von der Regierung, wollen eine Art Bürgerwehr gründen, um sich und die Ausländer vor künftigen Anschlägen zu schützen.