Das Zentrum der Verschwörung befindet sich in der Altstadt, gleich neben der alten Storkyrka, in der gerade mit viel Kabelaufwand die Weihnachtsmesse fürs Fernsehen aufgezeichnet wird. Der Chor muß immer wieder neu zum Heilandslob ansetzen, die Lichtregie ist noch immer nicht zufrieden mit den unberechenbar blakenden Kerzen, und Bernt Notkes Hl. Georg ringt in seinem heroischen Kampf noch immer mit dem Lindwurm aus dem Märchenwald. Im Schatten der Kirche, wie es sich ziemt: das Kapital, die Börse von Stockholm. Manchmal fährt ein aufstrebender Jungunternehmer mit dem Taxi vor und studiert zigarillorauchend die zitternden Kurse auf dem Bildschirm neben der Eingangstür.

Im selben Gebäude, zwei Stockwerke über der Börse, beginnt das Reich des Geistes. Hier residiert die Schwedische Akademie, hier wird die Verleihung des Literaturnobelpreises bekanntgegeben, hier hält der Preisträger seine Rede. Im handtuchschmalen Sekretariat des Sekretärs ist man heftig um die neueste Zeit bemüht. Es ist vollgerammelt mit mittelalten bis neueren Computerbildschirmen, Kopierern und Faxgeräten, und zwischen all dem technischen Arbeitsmaterial findet sich sogar ein halbwegs bekanntes Buch, "Claris Works Grundkurs". Neben dem Kopierer aus einer deutschen Zeitung ein Artikel über Astrid Lindgren. Im Zentrum der Verschwörung wird unermüdlich Material gesammelt. Auch auf dem Tisch des Sekretärs säuberlich verzettelt Meldungen aus dem Reich der Literatur und obenauf die International Herald Tribune. Nichts darf draußen passieren, ohne daß es hier kontrolliert wird. Bücher sind nicht vorgesehen, dafür schauen zwei Jahrhunderte Akademiegeschichte auf den gegenwärtigen Ständigen Sekretär Sture Allén und seinen Rokoko-Schreibtisch herab.

An jenem zweiten Donnerstag im Oktober läßt der Sekretär, nachdem er über ein bedienstetes Handy die exakte Zeit eingeholt hat, den Zeiger der goldenen Uhr, eines Geschenks noch des Akademiegründers, auf die volle Stunde vorrücken. Beim Glockenschlag ein Uhr wird die Tür zum anschließenden Raum geöffnet und den versammelten Journalisten der neue Träger des Literaturnobelpreises mitgeteilt. Vor einigen Jahren wurde der Sekretär heftig kritisiert, weil er den Preisträger sechs Sekunden zu früh bekanntgab. Das soll nicht wieder vorkommen.

Die Kritik an der Schwedischen Akademie und an ihrem Sekretär beschränkt sich längst nicht mehr auf derart harmlose Verfehlungen, inzwischen geht es um Grundsätzliches. Es geht um die Vergangenheit, also um die Zukunft der Akademie. König Gustav III., der in Frankreich die Académie française erlebt hatte, gründete am 5. April 1786 seine eigene und vertraute ihr die Pflege von snille och smak, von Talent und Geschmack an. Bis heute betreut die Akademie das Wörterbuch der schwedischen Sprache, fördert mit dem gestifteten Geld die Literatur und das Schreiben, vergibt Preise und Stipendien und könnte sich ansonsten mit der Verwaltung und Vermehrung des gewaltigen Stiftungsvermögens vergnügen, wäre da nicht der Nobelpreis.

In ihrer zweihundertjährigen Geschichte hatte die Schwedische Akademie manches Mißgeschick zu meistern - ein Mitglied entschloß sich eines schönen Tages, nach St. Petersburg an den Hof des Zaren zu gehen und statt dem heimischen Souverän nun diesem fremden zu dienen; ein anderes fälschte einen Wechsel; und einmal soll es sogar zu offener Insubordination gegen König und Regierung gekommen sein. Aber vor hundert Jahren schien es endgültig vorbei zu sein mit dem Glanz und Gloria des Ancien régime. Traditionalisten wie Neuerer attackierten die Akademie, und ihr damaliger Sekretär Carl David af Wirsén tat alles, um alles Moderne abzuwehren.

Da vererbte 1895 der Industrielle und Dynamit-Erfinder Alfred Nobel sein Vermögen an Leute, "die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben". Die Akademie durfte fortan den Nobelpreis für Literatur jener Person zuerkennen, die "in der Literatur das Ausgezeichnetste in Richtung auf ein Ideal hin hervorgebracht" hatte. Heute steht die Akademie nach verbreiteter Meinung wieder vor dem Ende, zumindest in ihrer jetzigen bejahrten Form. Doch hat sie der Nobelpreis schon einmal gerettet, warum sollte es also nicht noch mal gelingen?

Sechzig Preise hat die Akademie allein in diesem Jahr vergeben, aber keiner interessiert die Welt so brennend wie der Nobelpreis, der diesmal an den eher idealfreien Theaterdichter Dario Fo ging. Die Entscheidung wurde in der schwedischen Presse, dann auch im Ausland abwechselnd als "opportunistisch" und als "Geschmacksverirrung" kritisiert; vom "greisen Dynamit" war die Rede, sogar von "Verrückten", die über den wichtigsten Literaturpreis der Welt zu befinden hätten. Da traf es sich gut, daß eine schon länger schwelende Krise mit der Berufung des neuen Mitglieds Horace Engdahl offenbar wurde.