Der "Palm Pilot" macht den Filofax überflüssig - oder?

Abschied vom Ledermonstrum

Jetzt soll ich also schreiben lernen. Mit 38 Jahren. Ganz von neuem, Druckbuchstabe für Druckbuchstabe, Komma für Prozent. Na gut, warum eigentlich nicht. Also: Den grauen Plastikstift genommen, ihn vorsichtig auf das zwei mal zwei Zentimeter große Feld gesetzt, die Zunge zwischen die Lippen geschoben - und schon kann es losgehen: Erst ein kleiner Strich nach oben, dann ein umgekehrtes "V", dahinter eine Art Tauchsiederschlange. Weiter geht es mit einem "P" (immer mit dem Fuß des Buchstabens beginnen!), einem verkümmerten "T", dem der linke Teil des Querstrichs fehlt, einem "E" (mit einer schönen Schleife in der Mitte) - und schließlich einem "L". Dann steht es endlich da, mein erstes Wort: "Äpfel".

Es ist paradox: Da halte ich den Palm Pilot in Händen, den neuesten und winzigsten (zigarettenschachtelgroßen) Computer, den die Bürotechnik anzubieten hat, füttere ihn mit meinem Text - und was geschieht? Ich phantasiere mich zurück in meine Kindheit! Sitze wieder am Küchentisch, sage mir die einzelnen Buchstaben vor, blättere hilfesuchend nach, wie man ein "G" schreibt, irre mich, korrigiere mich, beginne von vorne. Punkt, Punkt, Komma, Strich - fertig ist das Mondgesicht. Mama, muß ich noch lange?

Dafür freilich haben sich meine mühselig in den Pilot gemalten Wörter, meine verwehten Gesprächsnotizen, meine flüchtig notierten Termine, die rasch hingekritzelten Telephonnummern in binäre Zeichen, in computerlesbaren ASCII-Code verwandelt. Als hätte ich all das mittels Tastatur eingegeben, ist es von nun an beliebig bearbeitbar: Die unterwegs gemachten Aufzeichnungen fließen in ein Textverarbeitungsprogramm, die Telephonnummern in eine Datenbank, eine Notiz läßt sich mit einem bevorstehenden Arbeitstreffen verknüpfen, die Memos in eine schön strukturierte To-do-Liste einbinden; und mühelos flitzen die Zeichen hin und her zwischen dem winzigen Handheld-Computer und meinem Büro-Mac. Ein Kabel angesteckt, einen Knopf gedrückt, fertig.

Aber der gute alte Filofax und die ganze Zettelwirtschaft auf dem Schreibtisch! Was geschieht mit alledem? Warum ist mir plötzlich so flau, jetzt, da ich eifrig die Adressen aus dem dicken, schwarzen Lederding in das winzige, graue Computerkästchen übertrage? Wovon verabschiede ich mich da? Beginnt da etwas Neues? Oder ist das alles nichts als die unerhebliche Aufregung eines Menschen, der Abschiede haßt? Zeit also für einige Vergleiche und Jammereien, am besten am Beispiel meiner Adressenverzeichnisse.

in Knopfdruck auf den Pilot, und schon liegen sie vor mir, die knapp dreihundert Einträge mit Namen, Straßen, Telephonnummern, E-cMail-Adressen: alphabetisch geordnet, im Volltextmodus durchsuchbar ("Wie hieß doch gleich der Projektverantwortliche der Firma Mayer?"), rubriziert nach Kategorien ("Job allg.", "Privat", "ZEIT im Internet"), mühelos aktualisier- und revidierbar. Das Adressenverzeichnis des Filofax hingegen. Grauenhaft! Ein wildes Durcheinander von Privatem und Unvollständigem, aus Übergemaltem, neuerlich Übergemaltem und immer noch Unaktuellem, aus eingelegten Visitenkarten, Notizen auf Kassenblocks. Jede Suche eine aufwendige Angelegenheit, denn alphabetisch geordnet ist der dicke Packen Papier längst nicht mehr. Ganz zu schweigen von der wirren Abfolge von Notizen, an vorgemerkten, wieder gelöschten Terminen. Endlich hat das Gewurschtel ein Ende.

Die Adressen also. Beim Übertragen vom Filofax in den Pilot will ich alle weglassen, die nicht mehr wichtig sind. Aber schon beginnt das Problem: Was heißt eigentlich "nicht mehr wichtig"? Ist ein Eintrag nicht mehr wichtig, weil ich den Menschen seit drei Jahren nicht mehr gesprochen habe? Rational gesehen schon. Aber gefühlsmäßig? Natürlich nicht.

Auf welchen Eintrag in meinem Filofax ich auch stoße, es tun sich Geschichten auf, viele Geschichten. Und sie tun das nur deshalb, weil der Filofax etwas zuläßt, das dem Pilot ganz fremd ist: Seine Seiten lassen sich beschreiben, überschreiben, korrigieren - und sie machen die Schritte dieser Bearbeitungen sichtbar. Die Seiten sind greifbar, die Informationen haben sich mit dem Papier verbunden - und schwirren nicht als reine Informationen wie im Computer herum; in manchen Fällen ist die Information des Filofax nichts mehr wert, nur die Art ihrer Speicherung noch wichtig. Eine triviale Sache. Aber eine mächtige.

So stehen manche Adressen im Filofax da wie zum Zeitpunkt ihres Eintrags vor fünf Jahren, hingeschrieben in dieser noch ein bißchen kindlichen Schrift. Sie gehören zu den beständigen Menschen, die an ihrem Platz bleiben, nie ihre Telephonnummer wechseln. Sie strahlen eine wunderbare Ruhe aus, diese Menschen. Aber sie wirken auch ein bißchen unbeweglich, verloren an den Ort, der sie festgehalten hat.

Unter dem Namen anderer Menschen wiederum finden sich Einträge, die ich immer wieder mit Tipp-Ex übermalt habe; wie eingemeißelt in die noch nasse Schicht von Korrekturflüssigkeit findet sich da die aktuelle Anschrift. Dann kam die neue Generation von wasserlöslichem Tipp-Ex. Es deckte nur schlecht, so daß die unaktuellen Adressen sichtbar blieben. Wenn man so will eine triviale Darstellung der Bewußtseinsschichten: Unter dem Neuen schimmert immer das Alte durch. Diese Adressen gehören zu den unsteten Menschen, die man leicht aus dem Auge verliert, wenn man nicht nachfragt: "Paul? Wo ist der übrigens gerade?"

Dann die Bleistiftnotizen. Das sind die Menschen, derer ich mir nie so sicher war. Mal kennengelernt. Verschwinden sicher bald wieder. Der Zeitungsausschnitt, den ich ihnen faxen wollte. Und so habe ich sie und ihre Nummern doch noch bei mir behalten. Wahrscheinlich haben sie keine Ahnung mehr, wer ich bin, wenn ich sie mal anrufe, nochmals was faxe.

Und schließlich die Adressen zweier Verstorbener. Sooft ich sie wiederfand ich ließ sie stehen. Noch sollten die beiden nicht verschwinden aus meinem Leben.

So geht es dahin - egal, welchen Teil meines alten Terminplaners ich aufschlage. Geschichten, Nachschrift um Nachschrift, Konfusion. Wann hätte mich mein Filofax je rechtzeitig auf einen wichtigen Termin hingewiesen wie mein Pilot? Eben.

Klingt alles so, als hinge mein Herz noch am guten alten Stapel Papier, als könnte ich mich mit dem neuen Ding nicht so recht anfreunden. Stimmt. Stimmt aber auch nicht. Denn je länger ich mich mit dem Winzcomputer beschäftige, um so ähnlicher wird er dem in Leder gebundenen Monstrum. Ein bißchen zumindest. Das winzige Display etwa, auf dem ich die Buchstaben eingebe: Vom vielen Gebrauch ist es bereits ein wenig zerkratzt. Wenn man genau hinsieht, kann man Nachschrift um Nachschrift erkennen. Und ist das Jahr rum, werde ich sämtliche elektronischen Kalenderblätter ausdrucken - und sie fein säuberlich gemeinsam mit den Filofax-Einlegeblättern archivieren. Und irgendwas werde ich schon finden, das ich auf den Ausdrucken korrigieren kann.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 1997
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