Als hinge ein Echo in der Luft

"Fenster" - Gedichte des amerikanischen Schriftstellers Robert Creeley

Gute Gedichte sind unbestechlich. Sie lassen nicht mit sich handeln. Mit ein Grund, warum Gedichtinterpretationen fast immer meilenweit dem Anlaß hinterherhinken oder überhaupt nichts mit ihm zu tun haben. Und ein gewichtiger Grund für die Unverkäuflichkeit von Gedichten ein gutes Gedicht bedient keine Lesererwartung, man kann sich nur darauf einlassen und ihm begegnen, wie man sich selbst begegnen kann.

Der Preis für ein gutes Gedicht läßt sich nicht in Zahlen bestimmen, weder in Verkaufs- noch in Auflageziffern. Ein gutes Gedicht ist ein unverkäufliches Juwel, ohne Preisschild wie ein Augenblick. Gedichte lassen sich nicht einfach lesen, sie öffnen und verschließen sich in gleichem Maß, wie dies der Leser tut.

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"Wie wenn weil oder / wann es auch war es war" heißt es in Robert Creeleys Gedicht "Die Jahreszeiten", das nichts Geringeres behandelt als die vorüberziehenden Jahreszeiten des Lebens, Kindheit, Mitte der Jahre, Alter, Absterben. "Die Jahreszeiten, Rechenarten der Erde, / buchen die Zeit, sagen / was gilt."

Der amerikanische Dichter Robert Creeley besitzt die Gabe, die großen einfachen Wörter zu gebrauchen, mit ihnen zu arbeiten, ohne große Worte zu machen. Er geht gelassen um mit den Wörtern "Leben", "Zeit", "Himmel", "Wolken", "Träume", "Atem", "Du", läßt ihnen ihr Pathos und ihre Banalität, ihre Ambivalenz und Gebrochenheit. Er läßt sie gelten, so wie sie sind. "Es war ja nie / einfach zu warten, / stillzusitzen. / Gab es nicht noch / einen anderen Weg, / eine Strecke zu gehn - / als hinge ein / Echo in / der Luft bevor / man eins hörte, / bevor ein Wort / gesprochen war. / Was war Liebe / und wo / und wie käme man hin."

Robert Creeley zählt zu den bedeutendsten Dichtern Amerikas. Hierzulande ist er trotz aller Bemühungen um sein Werk (seit 1987 erscheint er kontinuierlich im Residenz Verlag) nur wenigen bekannt. Das mag unter anderem daran liegen, daß einem in unseren Breitengraden ständig suggeriert wird, Amerika sei als literarische Landschaft der Gegenwart einzig und allein das Land der Bestsellerautoren oder zumindest der leicht verkäuflichen literarischen Unterhaltung. So als gäbe es nur Susanna Moore oder Paul Auster oder überhaupt nur Stephen King.

Der heute einundsiebzigjährige Creeley, Arztsohn aus Massachusetts, hat auch Prosa geschrieben hat, die in hervorragenden Übersetzungen auf deutsch vorliegt, eine Prosa freilich, die man ebensowenig wie seine Gedichte leichthin konsumieren kann, die einem jedoch die Schönheit und Weite der amerikanischen Landschaft und die Einsamkeit und Verlorenheit der Menschen darin auf weniger Seiten näherbringt und sehr viel länger nachwirkt als so mancher schicke Wälzer, der gerade mal Gesprächsstoff für e inen gepflegten Small talk bietet.

"Dunstige Bäume im beginnenden Nebel, / Spätnachmittagssonne erreicht noch die Steine. / Am leeren Ausguß wartet der Hund auf sein Fressen, / ich hör die Menschen sich in ihren Zimmern bewegen. / Über mehr läßt sich am Ende nicht nachdenken. / Jetzt kommt die Nacht mit dem Mond und den Sternen."

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