Durchhämmern. Dieser Begriff hat sich im Wortschatz der Klimadiplomaten längst eingebürgert. Und er ist ganz wörtlich gemeint. Denn der Konsens unter den Abgesandten gilt dann als hergestellt, wenn der Versammlungsleiter mit einem Hämmerchen auf den Konferenztisch schlägt. So war es auch in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag vergangener Woche im Konferenzzentrum von Kioto.

Der Vorsitzende des Hauptausschusses, der Argentinier Raul Estrada, hämmerte die 27 Artikel des Kioto-Protokolls unerbittlich durch und verhinderte so in letzter Minute das Scheitern des Klimagipfels. Seitdem treibt eine Frage die grüne Gemeinde um: Ist das Nichtscheitern gleichbedeutend mit Erfolg?

Der komplizierten Wirklichkeit am nächsten kommt die Analogie, die Konferenzbeobachter vom International Institute for Sustainable Development (IISD) aus Winnipeg/Kanada zogen: Sie verglichen die Vereinbarung von Kioto mit einem zenbuddhistischen Koan - einer Rätselfrage, auf die es keine rechte, jedenfalls keine eindeutige Antwort gibt. Tatsächlich wird nur eine differenzierte Bewertung dem Ergebnis gerecht, das nach elf Tagen Klimaschacher in Kioto ausgehandelt wurde.

Ökologisch ist das Kioto-Protokoll völlig unzureichend. Weltweit werden die klimaschädlichen Emissionen weiter ansteigen. Die Verpflichtungen der Industrieländer, der Hauptverursacher des Klimawandels, reichen nicht aus, den unvermeidlichen Emissionszuwachs der Entwicklungsländer zu kompensieren.

Die wurden - zwar gemäß Konferenzauftrag, aber zum Ärger der Amerikaner - nicht in die Pflicht genommen, während die Industrieländer ihren Ausstoß an Treibhausgasen bis zum Jahr 2012 gegenüber 1990 insgesamt um bescheidene fünf Prozent reduzieren sollen. Dabei erlitten die Europäer mit ihrer Forderung nach einheitlichen Reduktionsraten für alle Industrieländer Schiffbruch. Sie konnten ihren Verhandlungspartnern nicht klarmachen, warum sie zwar für eine flat rate kämpften, es gleichzeitig aber vielen EU-Mitgliedsländern gestatten wollten, ihre Emissionen sogar noch zu steigern.

Fünf Prozent - die nackte Ziffer trügt. In den Industrienationen einschließlich der früheren Ostblockländer lag der Ausstoß des wichtigsten Treibhausgases, Kohlendioxid (CO2), wegen des Zusammenbruchs vor allem der russischen Wirtschaft bereits 1995 rund 4,6 Prozent unter dem Niveau von 1990. Also muß in den kommenden fünfzehn Jahren nicht mehr allzuviel getan werden, zumal es gestattet sein wird, Emissionsrechte im Ausland einzukaufen.

Jedem Industrieland wurde in Kioto ein bestimmtes Verschmutzungskontingent zugewiesen. Denjenigen Anteil, den ein Land nicht selbst in Anspruch nimmt, kann es einem anderen Industrieland verkaufen. Als Anbieter solcher Rechte kommt vor allem Rußland in Frage. Dort liegen die CO2-Emissionen heute rund dreißig Prozent unter dem Niveau von 1990. Dennoch gestand die Versammlung in Kioto den Russen das Recht zu, das Klima in Zukunft wieder stärker malträtieren zu dürfen, und zwar genauso stark wie im Jahr 1990. Selbst wenn die Wirtschaft wieder auf Touren kommt, werden die Russen dieses Emissionskontingent kaum selbst ausnutzen, sondern Teile davon beispielsweise den Amerikanern anbieten. Es droht eine Inflation von Emissionsrechten.